8. Baumkontrollkolleg
Biostatische Baumkontrolle
Thomas Sinn
Die Veranstaltungsreihe
mit praktischem Schwerpunkt im Juli / August 2001, eintägige Intensivschulungen
in der Durchführung von visuellen Baumkontrollen, wurde vom Verfasser
in Kooperation mit dem Botanischen Institut der J.-W. Goethe Universität,
Frankfurt/M., wieder mit Erfolg durchgeführt. Der Verfasser berichtet
vom 8. Baumkontrollkolleg.
In kleinem, begrenztem Teilnehmerkreis bis zu 7 Personen wurden zunächst
die Grundlagen für die Erstellung eines Baumkatasters erklärt. Eine Bestandsaufnahme
sollte sich auf das wesentliche beschränken: Standort, Nummer, Baumart,
Alter, Baumnote, Datum der Kontrolle, Name des Baumkontrolleurs, Feststellungen
und Maßnahmeempfehlungen sowie gegebenenfalls Angaben zur Baumgröße.
Einzelne Punkte wurden ausführlich erläutert. Über die Daten Standort
und Baumnummer kann jeder Baum eindeutig identifiziert werden. Verschiedene
Möglichkeiten der Baumnumerierung und ihre Vor- und Nachteile wurden vorgestellt:
Verletzungsfrei zum Beispiel mit wetterfestem Farbpastenstift, nicht verletzungsfrei
mit Numerierplättchen und Nägeln / Schrauben, Eintragen in Katasterpläne,
Einmessen mit Satellitenortungssystemen u.a.
Mit der Baumnote wird der Allgemeinzustandes des Baumes bewertet, das
heißt vor allem die Stand-/Bruchsicherheit, der Gesundheitszustand, die
Regenerationsfähigkeit und die Wuchsform. Verschiedene Vorschläge zur
Baumbenotung wurden vorgestellt (Einteilung in fünf Schadstufen u.a.).
Der Verfasser arbeitet mit einem eigenen Notenschlüssel zur Baumbeurteilung.
Das Spektrum reicht von Note 1 (sehr guter Allgemeinzustand, frei von
Mängeln) bis Note 6 (akute Kipp-/Bruchgefahr, Baum fast abgestorben oder
tot).
Feststellungen müssen sich auf das wesentliche beschränken. Zum Beispiel
macht es keinen Sinn, Stammbeulen festzuhalten, da sie hinsichtlich der
Bruchsicherheit und Baumgesundheit ohne Bedeutung sind.
Die 16 wesentlichen, häufigsten Feststellungen wurden anhand einer vom
Verfasser entwickelten Kürzelliste ebenso erklärt wie die 16 wichtigsten
und häufigsten Maßnahmenempfehlungen.
Anschließend wurden experimentell und anhand von Rechenbeispielen die
Grundlagen der Baumstatik erklärt, die Bestandteil biostatischer Baumkontrollen
sind. Besonders wurde auf die verschiedenen Wuchsformen von Bäumen und
die daraus resultierenden unterschiedlichen Sicherheitsreserven (baumstatische
Grundsubstanz) eingegangen. Zum Beispiel kann ein Baum mit hohen Sicherheitsreserven
problemlos freigestellt werden, während ein Baum mit geringen Sicherheitsreserven
im Fall der Freistellung schon bei vergleichsweise geringen Windbelastungen
umstürzt.
Anhand von zwei extremen Wuchsformen wurde dies verdeutlicht. Waldbäume,
die in starker Konkurrenz zu Nachbarbäumen stehen, wachsen nahe der Grenzgröße
der Stabilität. An einem langen Stammhebel ist weit oben eine kleine „Pinselkrone“
ausgebildet (siehe Abbildung 1). Die kleine Krone ist nur zu einer vergleichsweise
geringen Photosyntheseleistung imstande. Die geringen Stoffumsätze werden
vor allem für die Bewältigung der langen Transportwege von Wasser und
Nährstoffen sowie für die anderen Lebensvorgänge aufgebraucht. Der Dickenzuwachs
an Ästen, Stamm und Wurzeln ist daher nur gering. Deshalb weisen Waldbäume
im Orkan trotz des Windschutzes im Waldbestand und der geringen Windlasten
sehr geringe Sicherheitsreserven auf. Bei Freistellung sind sie kippgefährdet.
Ganz anders frei gewachsene Bäume (siehe Abbildung 2). Bei besserer Lastverteilung
(gedrungener Wuchs, kürzere Hebel) können sie sehr große und breite Kronen
entwickeln. Dies schlägt sich in großen Stoffumsätzen nieder. Es werden
große Überschüsse „erwirtschaftet“, die der Baum in vermehrtem Dickenzuwachs
an Ästen, Stamm und Wurzeln anlegt. Dadurch nehmen die Sicherheiten enorm
zu, denn doppelter Stammdurchmesser bedeutet achtfache Bruchsicherheit.
Daher weisen frei gewachsene Bäume im Orkan trotz der vergleichsweise
hohen Windlastmomente sehr große Sicherheitsreserven auf. Auch bei Freistellung
sind sie in hohem Maße stand- und bruchsicher.
Die Sicherheitsreserven von Bäumen je nach Wuchsform lassen sich bei Baumkontrollen
anhand des Habitus sowie der h/d-Verhältnisse (= Baumhöhen- zu Stammdurchmesserverhältnisse)
bestimmen. Mit Legobausteinen wurde modellhaft das unterschiedliche Wachstum
eines frei stehenden Baumes und eines Waldbaumes nachgebildet. Die Windlasten
und die Bruchsicherheiten während der verschiedenen Wachstumsphasen wurden
beispielhaft für vereinfacht angenommene Zuwachsraten für die Baumart
Rotbuche durchgerechnet (Angaben in den Zeilen von links nach rechts jeweils
für das 6. Jahr, dann 8. Jahr usw.).
Waldbaum: 6. Jahr - 8. Jahr - 10. Jahr - 12. Jahr - 14. Jahr
Baumhöhe: 4 m - 6 m - 8 m - 10 m - 12 m
Kronenfläche: 2 m² - 4 m² - 6 m² - 8 m² - 10 m²
Windlastmoment: 0,14 kNm -0,36 kNm -0,66 kNm -1,04 kNm 1,5 kNm entspricht
Gewichtskraft: (14 kg) - (36 kg) - (66 kg) - (104 kg) - (150 kg) Stammdicke:
3 cm - 4 cm - 5 cm - 6 cm - 7 cm
Widerstandsmoment: 3 cm³ - 6 cm³ - 12 cm³ - 21 cm³ - 34 cm³
Bruchsicherheit: 0,43-fach - 0,40-fach - 0,43-fach - 0,47-fach - 0,51-fach
Frei stehender Baum: 6. Jahr - 8. Jahr - 10. Jahr - 12. Jahr -
14. Jahr
Baumhöhe: 3 m - 5 m - 6 m - 7 m - 9 m
Kronenfläche: 2 m² - 6 m² - 10 m² - 16 m² - 22 m²
Windlastmoment: 0,6 kNm -2,3 kNm -4,4 kNm -8,2 kNm -12,9 kNm entspricht
Gewichtskraft: (60 kg) -(230 kg) -(440 kg) -(820 kg) (1.290 kg) Stammdicke:
5 cm - 8 cm - 11 cm - 15,5 cm - 20 cm
Widerstandsmoment: 12 cm³ - 50 cm³ - 131 cm³ - 365 cm³ - 785 cm³ Bruchsicherheit:
0,47-fach - 0,50-fach - 0,68-fach - 1,02-fach - 1,40-fach
Bei dem angenommenen Waldbaum beträgt das Windlastmoment im 14. Jahr 1,5
kNm, bei dem frei stehenden Baum fast 9-mal soviel (12,9 kNm). Dennoch
weist der Stamm des frei stehenden Baumes aufgrund der Maximierung des
Widerstandsmomentes durch sein kräftiges sekundäres Dickenwachstum bereits
1,4-fache Bruchsicherheit im Orkan auf. Der Waldbaum ist nach wie vor
auf die zusätzliche Stabilisierung durch die Ausnutzung der Wachstumsvorspannungen
angewiesen (rund 0,5-fache Bruchsicherheit).
Anschließende Belastungstests an verschieden dicken, zum Teil hohlen Aluminiumrohren,
verdeutlichten den wesentlichen Einfluß des Widerstandsmomentes in Abhängigkeit
von der Stammdicke und dem Aushöhlungsgrad auf die Bruchsicherheit von
Bäumen.
Schwerpunkt der eintägigen Praxisveranstaltung waren die praktischen Übungen
zur Baumkontrolle an dem alten Baumbestand des Botanischen Gartens und
Palmengartens. Bedeutsame Schadsymptome wie Spechthöhlen, Pilzfruchtkörper,
V-förmige Zwiesel, angebrochene Äste, Totholz, Wurzelstockfäulen, fäulebedingte
Einwallungen, Höhlungen, eingefaulte, überlastige Äste und andere wurden
eingehend visuell untersucht und ihre Bedeutung für die Stand-/Bruchsicherheit
besprochen. Hinweisende Symptome wie Stockaustriebe, falsche Frostleisten
oder verlichtete Kronen wurden ebenso besprochen wie für die Baumkontrolle
unbedeutende Symptombildungen (Stammbeulen, überwallte und teilüberwallte
Astlöcher, astunterseitige Faltenbildungen usw.).
Zum Schluß erregte ein kürzlich abgestorbener Birkenaltbaum, in dessen
Krone noch das vertrocknete Laub hing, die Aufmerksamkeit. Die Ursache
für den plötzlichen Baumtod wurde durch Abklopfen des Stammfußes und Nachprüfen
mit einem Stechbeitel gefunden: Unter der Borke war cremefarbiges Pilzmycel
des Hallimasch ausgebildet.
Verfasser: Baumkontroll- und Sachverständigenbüro, Dipl.-Ing. öbv Sachverständiger
Thomas Sinn, Auf dem Niederberg 18, 61118 Bad Vilbel
Abbildungsverzeichnis:
Abbildung 1: Waldbaum, h/d 59, wuchsformbedingt sehr geringe Sicherherheitsreserven
Abbildung 2: Frei stehender Baum, h/d 11, wuchsformbedingt sehr hohe Sicherherheitsreserven
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