Zugversuche
an Bäumen - wachsender Anwenderkreis
Uwe Männl,
Günter Sinn und Thomas Sinn
Autarkes, fachlich
betreutes Messen der Stand- und Bruchsicherheit von Bäumen durch Zugversuche
war bisher nur einem kleinen Anwenderkreis vorbehalten, obwohl die Zugversuche
eine lange Geschichte haben und die Meßtechnik ständig verbessert wurde.
In erster Linie liegt dies an der Komplexität der Materie.
Zur Analyse der Standsicherheit
Bis Anfang der 80er
Jahre stand man der Standsicherheitsproblematik von Bäumen weitgehend
hilflos gegenüber. Mit Wurzelfreilegungen und Anbohren wurde versucht
die Standsicherheitsfrage zutreffend zu klären oder man griff lieber gleich
zur Säge. Interdisziplinäre Forschung durch G. Sinn führte 1980 zur Problemlösung:
Bäume wurden mit großem Erfolg in eine statische, ganzheitliche Betrachtung
eingebunden, das neue Berufsfeld der Baumstatik war ins Leben gerufen.
Nach Durchführung eines ersten Zugversuches 1984 wurden die technischen
Methoden und wissenschaftlichen Grundlagen zur Bestimmung der Verkehrssicherheit
von Bäumen kontinuierlich verbessert. Der nächste große Fortschritt war
die Entwicklung und Erprobung der Neigungsmeßmethode (Pilotprojekt 1988,
Eichen im Riederwald Frankfurt/M.: G. SINN, Arbeitsstelle für Baumstatik
(AfB) sowie KAISER, STOEHREL und WESSOLLY, Universität Stuttgart). Die
Neigungsmeßmethode wurde von WESSOLLY als Inclinomethode in die Fachwelt
eingeführt (vergl. DAS GARTENAMT 1989).
Aufgrabungen zur Beurteilung des Wurzelfundamentes wurden damit überflüssig.
Ein einfacher Zugversuch und Neigungsmessungen ließen Aussagen zur Standsicherheit
zu.
Auf dieser Grundlage wurde ein Jahr später, 1990, die AfB-Methode mit
einem neuen Auswerteprogramm und verbesserter Meßdateninterpretation vorgestellt.
Die Neigungsmeßdaten wurden nicht mehr mit einem Kurvenlineal ausgewertet
sondern auf der Grundlage definierter Neigungsklassenvarianten (vergl.
DAS GARTENAMT 1990). Eine weitere Verbesserung des Meßverfahrens wurde
1992 mit der Zweipunktmessung und der Einführung des relativen Kippmodules
erreicht. Die Zweipunktmessung erfaßt den Biegeanteil am Stammfuß, außerdem
werden Fehlmessungen durch Meßgerätefehler sofort erkennbar. Der relative
Kippmodul schließt eine falsche Interpretation der Meßkurven aus und ermöglicht
eine Reduktion der 1,5-fachen Sicherheitszuschläge. Die Einführung des
relativen Kippmoduls war ein erheblicher Fortschritt in der Standsicherheitsanalyse
von Bäumen, der von der Fachwelt kaum bemerkt wurde. Noch heute werfen
Fachleute die Inclinomethode und die AfB-Methode unzutreffenderweise in
einen Topf. In der ZTV-Baumpflege von 1993 sind die unterschiedlichen
Meß- und Auswerteverfahren korrekt getrennt aufgeführt (siehe hierzu den
im Anhang genannten Aufsatz in STADT UND GRÜN: AfB-Methode und Inclinomethode.
Zwei unterschiedliche Meß- und Auswerteverfahren zur Standsicherheitsbestimmung
von Bäumen, 1999).
Die AfB-Methode hat sich trotz der drastisch verringerten Sicherheitszuschläge
an mehr als 1.400 Bäumen fehlerfrei bewährt. Tatsächlich kippgefährdete
Bäume, im statistischen Mittel nur etwa 10 % der gemessenen Problembäume,
wurden treffsicher erkannt. Aktuell wurden neue Erkenntnisse der Stand-
und Bruchsicherheitsanalyse von Bäumen ausgewertet und in die Meß- und
Auswertemethoden integriert. Das Auswerteprogramm wurde auf der Basis
von Windows 98 fortgeschrieben. Die neue Software ist als Multitasking-fähige
MS-Windows-Anwendung anwenderfreundlicher gestaltet und einfacher zu bedienen.
Neue Technologien wurden eingebunden, so kann z.B. die Baumkontur mittels
Digitalkamera eingegeben werden. Die bisherige Eingabe mittels Graphik-Tablett
kann somit entfallen. Aufgrund der modularen Konzeption können zukünftige
Entwicklungen einfach und schnell eingebunden werden. Damit werden sofortige
Anpassungen an neue Erkenntnisse gewährleistet.
Gleichzeitig wurden neue und präzisere Meßgeräte entwickelt und erprobt.
Getestet wurden zwei neue Neigungsmeßgeräte (bekannt als Inclinometer)
mit doppelter Meßgenauigkeit (1/20 Grad). Die Meßauflösung beträgt nach
wie vor 1/100 Grad. Sensor und Ableseeinheit sind in ein kompaktes Gehäuse
integriert, lästiger Kabelsalat entfällt. Der Meßbereich ist erheblich
vergrößert (alte Geräte +- 10 Grad, neue Geräte bis +- 45 Grad ohne Genauigkeitsverlust).
Versehentliche Fehlmessungen bei Überschreiten des zulässigen Meßbereiches
(Schrägstellung von mehr als +-10 Grad beim Anbringen am Wurzelanlauf)
können damit ausgeschlossen werden. Die Meßbasis zum Anbringen des Sensors
am Baum verfügt über unzerstörbare Stahlstifte, die nicht mehr wie bei
den alten Geräten ausgetauscht werden müssen.
Zur Analyse der Bruchsicherheit
In Sachen Bruchsicherheit
wurde das Dilatometerverfahren der AfB (bekannt als Elastomethode nach
WESSOLLY) dem aktuellen Wissensstand angepaßt. Optimierte Dilatometer,
geringere Sicherheitszuschläge und die Einteilung in vier Bruchsicherheitsklassen
sind dabei hervorzuheben. An dieser Stelle möchten die Autoren Herrn Sartorius
für seinen großen Beitrag zur Entwicklung der neuen Dilatometer danken.
Die neuen Setz-Dehnungsmeßgeräte (Fachbegriff Dilatometer, bekannt als
Elastometer) weisen eine vierfach höhere Meßgenauigkeit (1/200 Millimeter)
auf. Wiederholbarkeit 1/500 Millimeter. Die Meßauflösung beträgt nach
wie vor 1/1000 Millimeter. Sensor und Ableseeinheit sind ebenfalls in
ein kompaktes Gehäuse integriert. Die Geräte wurden wesentlich robuster
und ebenfalls mit unzerstörbaren Stahlstiften ausgestattet. Die Ausführung
der neuen Meßgerätegeneration erfolgte bewußt in offener Bauweise.
Ausblick
Baumstatiker wenden
seit Jahren die verschiedenen Zugmeßmethoden an. Die AfB arbeitet mit
Franchisenehmern in Deutschland und Österreich zusammen. Zukünftig können
weitere Interessenten in nicht belegten Bundesländern und Städten von
den fortschrittlichen Diagnosemethoden zur Stand- und Bruchsicherheitsüberprüfung
von Bäumen und von dem Forschungs- und Wissensvorsprung der AfB insbesondere
in Sachen Standsicherheitsüberprüfung von Bäumen profitieren. Unter anderem
hält die AfB ständigen Kontakt mit Universitäten und führt in einem eigenen
Forschungsprojekt die baumartspezifische Ermittlung des Luftwiderstandsbeiwertes
cw von Bäumen durch.
Ausführliche Schulungen zur eigenständigen Durchführung von Zugversuchen
und eine Einführung in die Grundlagen der Baumstatik werden bei zukünftigen
Franchisenehmern vor Ort oder an ausgewählten Problembäumen im Palmengarten
der Stadt Frankfurt/M. durchgeführt. Die Unterweisungen vermitteln detaillierte
Kenntnisse über die Grundlagen der Baumstatik, richtige Meßdatenerhebung
einschließlich der Baumfotografie und Baumhöhenmessung für die Ermittlung
der Windlast. Der korrekte, baumschonende Einsatz der Zugeinrichtung am
Baum wird vor Ort erklärt und demonstriert. Dabei wird auch auf Sonderfälle,
wie zum Beispiel die Messung von Stämmlingen, eingegangen. Das richtige
Anbringen der Neigungs- und Dehnungssensoren am Baum wird eingeübt und
das Meßprotokoll vorgestellt. Danach führen die Teilnehmer selbständig
Zugversuche zur Ermittlung der Stand- und Bruchsicherheit von Bäumen durch,
die anschließend diskutiert werden.
Die Theorie und Praxis erfordert mindestens einen vollen Schulungstag.
Die Teilnehmer erhalten umfangreiche Seminarunterlagen und Anschriften
der Meßgerätehersteller.
AUTOREN: Dr. Uwe Männl, öbv Sachverständiger Günter Sinn und Dipl.-Ing.
öbv Sachverständiger Thomas Sinn, c.o. Arbeitsstelle für Baumstatik (AfB),
Auf dem Niederberg 18, 61118 Bad Vilbel
LITERATUR
GÜNTER SINN: Standsicherheit von Bäumen. DAS GARTENAMT 31 (1982) Januar,
Patzer-Verlag
GÜNTER SINN: Standsicherheitsuntersuchungen von Bäumen. DAS GARTENAMT
33 (1984) September, Patzer-Verlag
GÜNTER SINN und LOTHAR WESSOLLY: Messungen an Bäumen: Ermittlung der Sicherheiten
gegen Kippen oder Bruch. DAS GARTENAMT 38 (1989) Juli und August, Patzer-Verlag
GÜNTER SINN: Untersuchungen zur Kippursache von Eichen im Riederwald Frankfurt/M..
Schriftenreihe Taxationspraxis Heft LP 25 (1990) SVK-Verlag
GÜNTER SINN und UWE MÄNNL: Methodische Verbesserungen und neue Meßgeräte
zur Standsicherheitsüberprüfung von Bäumen. DAS GARTENAMT 39 (1990) September,
Patzer-Verlag
UWE MÄNNL: Analyse der Standsicherheit von Bäumen. DAS GARTENAMT 6 (1992),
Patzer-Verlag
GÜNTER SINN, THOMAS SINN und UWE MÄNNL: AfB-Methode und Inclinomethode.
Zwei unterschiedliche Meß- und Auswerteverfahren zur Standsicherheitsbestimmung
von Bäumen. STADT UND GRÜN 48 (1999) Heft 8, Seite 549-551, Patzer-Verlag
www.baumstatik.de
ABBILDUNGSVERZEICHNIS:
Abb. 1: Eines der neuen Neigungsmeßgeräte mit doppelter Meßgenauigkeit,
Meßbereich +- 45 Grad
Abb. 2: Der neue Dilatometer mit vierfacher Meßgenauigkeit im Einsatz
am Baum
Abb. 3: Feststellung eines standsicheren „Problembaumes“, Kippmodul weit
unter 25 %, das heißt trotz Wurzelschäden hochgradige Standsicherheit
Abb. 4: Feststellung eines kippgefährdeten Problembaumes, Kippmodul fast
100 %, das heißt standsicherheitsrelevante Wurzelschäden
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