Grenzen der
visuellen Baumkontrolle
Baumkontrollkolleg
Biostatische Baumkontrolle 2002
Thomas Sinn
Die Veranstaltungsreihe
mit praktischem Schwerpunkt im Juli 2002, eintägige Intensivschulungen
in der Durchführung visueller Baumkontrollen, wurde vom Verfasser in Kooperation
mit dem Botanischen Institut der J.-W. Goethe Universität, Frankfurt/M.,
wieder mit Erfolg durchgeführt. Der Verfasser berichtet vom 10. Baumkontrollkolleg.
In kleinem, begrenztem Teilnehmerkreis bis zu 7 Personen wurden zunächst
die Grundlagen für die Erstellung eines Baumkatasters besprochen. Unverzichtbar
ist die Baumnummerierung. Durch eine Nummer am Baum / im Katasterplan
kann jeder Baum über die Daten Standort und Baumnummer eindeutig identifiziert
werden. Mit hochwertigen Satellitenortungssystemen lassen sich Bäume bis
auf 2 cm genau in Echtzeit einmessen. Die Positionsdaten können in digitale
Karten auf CAD- oder GIS-Basis eingelesen und die Baumstandorte mit Nummern
dargestellt werden.
Das wichtigste ist natürlich die Baumansprache. Werden zwei einfache Regeln
beachtet, erhöht das die Sicherheit in der Baumbeurteilung erheblich:
1. Abklopfen des Stammfußes bei Altbäumen Ein großer Teil der statikrelevanten
Fäulen wird vor allem bei Stadtbäumen durch wurzelbürtige Fäuleerreger
verursacht. Erkennbar wird der umfangreiche Schaden erst dann, wenn die
pilzbedingte fortschreitende Holzzersetzung am Stammfuß (meist zuerst
zwischen den Wurzelanläufen) den Stammantel durchbricht. Bei visuellen
Sichtkontrollen wird dieses Gefahrenzeichen häufig nicht erkannt. Das
hat verschiedene Ursachen:
* Die Holzzersetzung und Pilzfruchtkörper können durch darüberliegende
Borkenplatten und Vegetation verdeckt sein,
* nicht immer werden die Fruchtkörper des holzzerstörenden Pilzes ausgebildet,
* außerdem können die Fruchkörper wie beim Brandkrustenpilz sehr unscheinbar
sein.
Dieses eindeutige Schadsymptom kann bei Abklopfen des Stammfußes nicht
übersehen werden. Zum einen beschäftigt sich der Baumkontrolleur intensiv
mit dem Stammfuß, da er sich ihm zum Abklopfen unmittelbar annähern muß.
Zum andern können durch den Stammantel gebrochene Fäulen am hohlen Klang
beim Abklopfen erkannt werden. Bei der anschließenden Prüfung mit einem
Stechbeitel, der zum Abklopfen verwendet werden sollte, kann festgestellt
werden, ob es sich um einen tiefreichenden statikrelevanten Schaden handelt
oder ob zum Beispiel nur lose Borkenplatten über intaktem Holzkörper ursächlich
für den hohlen Klang sind.
2. Pilzfruchtkörper
Die Ausbildung von Pilzfruchtkörpern am Baum stellt das wichtigste eindeutige
Schadsymptom dar. Einer einfachen Regel folgend kann man auch ohne detaillierte
Pilzkenntnisse viele Fruchtkörper hinsichtlich ihrer Auswirkung auf die
Baumstatik einschätzen:
1. Vorsicht beim Auftreten von konsolenförmigen Pilzfruchtkörpern, es
ist von einem statikrelevanten Schaden auszugehen.
2. Zunächst Entwarnung bei in Stiel und Hut gegliederten Fruchtkörpern.
Bei in Stiel und Hut gegliederten Fruchtkörpern ist folgendes zu beachten:
Der Hallimasch ist in der Regel hinsichtlich der Stand-/Bruchsicherheit
ohne Bedeutung, da er die Bäume abtötet bevor eine verkehrsgefährdende
Fäule entstehen kann. Der Sparrige Schüppling kann eine Ausnahme von der
obigen Regel sein: Bei gehäuftem Auftreten an allen Seiten am Stammfuß
kann Kipp-/Bruchgefahr bestehen. Der aggressive Brandkrustenpilz, den
ein Baumkontrolleur kennen muß, ist ebenfalls eine Ausnahme. Die Fruchtkörper
bilden krustenartige, flach anliegende Überzüge auf der Rinde oder dem
von der Rinde entblößten Holzkörper befallener Bäume.
Sieben weitere eindeutige Schadsymptome sollte ein Baumkontrolleur ebenfalls
kennen (siehe www.baumstatik.de unter „Baumkontrollen“ beziehungsweise
„Baumcheck“). Desweiteren sollte er in der Lage sein, ihre Bedeutung für
die Baumstatik anhand der baumstatischen Grundsubstanz einzuschätzen.
Zum Beispiel kann der dicke Stamm eines frei gewachsenen Altbaumes mit
sehr hohen Sicherheitsreserven bis auf geringe Restwanddicken gesunden
und tragenden Holzes ausfaulen, während der schlanke Stamm eines Waldbaumes
mit sehr geringen Sicherheitsreserven schon vorher bricht. Die Gründe
hierfür wurden experimentell veranschaulicht (dies wurde letztes Jahr
im Bericht über das 8. Baumkontrollkolleg ausgeführt).
Die Sicherheitsreserven von Bäumen je nach Wuchsform lassen sich bei Baumkontrollen
anhand des Habitus sowie der h/d-Verhältnisse (= Baumhöhen- zu Stammdurchmesserverhältnisse
*) bestimmen. Je geringer die Verhältniszahl, desto höher sind die Sicherheitsreserven.
( * Messung der Stammdurchmesser in 1,3 m Höhe)
Beispiele aus der eigenen Gutachterpraxis für Altbäume:
Frei gewachsene, zumeist bereits beschnittene (Naturdenkmal-)Bäume weisen
h/d-Werte zwischen etwa 8 und 20 auf (sehr hohe Sicherheitsreserven),
frei gewachsene, nicht beschnittene (Naturdenkmal-)Bäume h/d-Werte zwischen
etwa 20 und 25 (hohe Sicherheitsreserven),
weitgehend frei gewachsene, nicht beschnittene („normale“ Stadt-)Bäume,
h/d-Werte zwischen etwa 25 und 35 (ausreichende Sicherheitsreserven),
in Konkurrenz zu Nachbarschaften gewachsene (schiefstämmig, einseitige
Krone), nicht beschnittene Bäume, h/d-Werte zwischen etwa 35 und 50 (geringe
Sicherheitsreserven) und
in starker Konkurrenz zu Nachbarbäumen gewachsene Waldbäume h/d-Werte
höher als etwa 50 (sehr geringe Sicherheitsreserven).
Für die hohen Sicherheitsreserven alter (Naturdenkmal-)Bäume findet sich
eine einfache Erklärung: Während im hohen Baumalter nach Erreichen der
endgültigen Kronenausdehnung in Höhe und Breite keine weitere Zunahme
der Kronensegelfläche mehr stattfindet, kann das Stammdickenwachstum noch
immer Jahrhunderte andauern. Durch das sekundäre Dickenwachstum verholzter
Baumteile findet eine kontinuierliche Optimierung des Widerstandsmomentes
statt. Doppelter Stammdurchmesser bedeutet achtfache Bruchsicherheit.
Schwerpunkt der eintägigen Praxisveranstaltung waren die praktischen Übungen
zur Baumkontrolle an dem alten Baumbestand des Botanischen Gartens und
des Palmengartens.
Bedeutsame Schadsymptome wie Spechthöhlen, Pilzfruchtkörper, V-förmige
Zwiesel, angebrochene Äste, Totholz, Wurzelstockfäulen, fäulebedingte
Einwallungen, Höhlungen und andere wurden eingehend visuell untersucht
und ihre Bedeutung für die Stand-/Bruchsicherheit besprochen.
Die Grenzen einer visuellen Baumkontrolle wurden an einer etwa 200 Jahre
alten Eiche deutlich. Der Altbaum wurde im zweiten Weltkrieg durch Bombentreffer
schwer geschädigt. Ausgehend von einem großen Holzschaden am Stamm ist
er nach etwa 60 Jahren fortschreitender Holzzersetzung weitgehend ausgefault.
An allen Seiten ist die Fäule oberhalb einer Veredlungsstelle partiell
streifenförmig durch den Stammantel gebrochen. In den fäulebedingten Einwallungen
waren letztes Jahr Pilzfruchtkörper eines Porlings ausgebildet. Das ausgehöhlte
Stamminnere ist von der teilüberwallten Öffnung aus begehbar, die durchschnittliche
Restwanddicke beträgt nur noch wenige Zentimeter gesunden und tragenden
Holzes. Der h/d-Wert beträgt 16, das heißt sehr hohe Sicherheitsreserven
(Baumhöhe = 30,0 m, Stammdurchmesser in 1,3 m Höhe = 1,84 m). Vor allem
deshalb ist der Stamm der wüchsigen Eiche trotz einer Windangriffsfläche
von 494 m² und einem Windlastmoment von 1.998 kNm bei Windstärke 12 (dies
entspricht der Gewichtskraft einer Masse von rund 203.700 Kilogramm) noch
immer nicht abgebrochen.
Das gravierende Schadbild und die enormen Baumdimensionen lassen eine
abschließende visuelle Baumbeurteilung nicht mehr zu. Eine zuverlässige
Beurteilung der Verkehrssicherheit kann nur noch auf meßtechnischem Wege
mit statikintegrierten Zugprüfungen erfolgen.
Verfasser: Dipl.-Ing. öbv Sachverständiger Thomas Sinn, Baumkontroll-
und Sachverständigenbüro, Auf dem Niederberg 18, 61118 Bad Vilbel
Abbildungsverzeichnis:
Abbildung 1: Besprechung der gravierenden Schäden am Stamm der etwa 200
Jahre alten Eiche mit Teilnehmern des 10. Baumkontrollkollegs
Abbildung 2: Habitus der Eiche mit dem riesigen, windexponierten Kronensegel
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