Die acht wichtigsten
Kriterien bei der Baumkontrolle (Biostatische Baumkontrolle)
Thomas Sinn
Baumschäden, die die
Verkehrssicherheit beeinträchtigen, können im Vorfeld des Baumversagens
in der Regel an bestimmten Schadsymptomen erkannt werden. Eindeutige statikrelevante
Schadsymptome sind dabei von meistens unbedeutsamen Symptomen, wie zum
Beispiel biologisch bedingten, abzugrenzen. Hinsichtlich der Baumstatik
gibt es nur acht bedeutsame und eindeutige Schadsymptome. Werden diese
erkannt, kann das Gefährdungspotential genauer eingeschätzt werden. Diese
Einschätzung beruht insbesondere auf den Erfahrungen des Verfassers aus
statikintegrierten Baummessungen sowie Gerichts- und Versicherungsgutachten
zur Ursachenermittlung von Baumversagen.
Biostatische Baumkontrollen
haben seit langem ihre Praxistauglichkeit bewiesen. Das nachfolgend vorgestellte
Handlungskonzept versteht sich als Wegweiser für Baumkontrolleure. Aufgrund
der Zusammenführung von Biologie und Statik ist die biostatische Baumkontrolle
ein sicheres Instrument zur Vermeidung vorhersehbarer Schäden durch Bäume
und zur Schonung des Baumbestandes. Im 3. Kapitel wird das wichtigste
eindeutige Schadsymptom, Pilzfruchtkörper holzabbauender Arten, sowie
ihre Bedeutung für die Baumstatik, vorgestellt. In Kapitel 4. werden die
sieben anderen eindeutigen Schadsymptome beschrieben und in Kapitel 5.
hinweisende Symptome / Anzeichen. 1
Die drei Kontrollwerkzeuge
Der Baumkontrolleur
benötigt lediglich 3 Werkzeuge zur Durchführung biostatischer Baumkontrollen:
1. Stechbeitel (Abklopfen und Überprüfen des Stammfußes bei Verdacht auf
Fäule),
2. Fernglas (Beurteilen von Symptomen in der Krone),
3. Zollstock (Messen der Tiefe von Höhlungen / des Stammdurchmessers).
1.1 Zum Einsatz der
Kontrollwerkzeuge
Ein gutes Fernglas
ermöglicht eine genaue Überprüfung von Baumteilen in der Krone. Ein Fernglas
mit 10-facher Vergrößerung läßt sich noch ruhig in der freien Hand halten.
Durch das Fernglas betrachtet schmilzt die Entfernung eines 30 m entfernten
Kronenteils auf 3 m zusammen.
Im belaubten Zustand können sich insbesondere bei Bäumen mit dichter Belaubung
-wie vitalen Roßkastanien- Schwierigkeiten des Einblicks in die Krone
ergeben. Dann muß einmal aus weiterer Entfernung der Kronenmantel und
dann -unter dem Baum stehend- das Kroneninnere mit der natürlicherweise
weniger dichter Belaubung betrachtet werden. So können in der Regel auch
im belaubten Zustand sicherheitsrelevantes Totholz, Spechthöhlen an Stamm
und Stämmlingen, angebrochene Äste usw. erkannt werden.
Diesen Aufwand wird
man vor allem nur bei großen Altbäumen mit hohem Gefährdungspotential
durchführen. Das Fernglas dient auch zum Betrachten des Stammkopfes, insbesondere
beim Vorhandensein V-förmiger Vergabelungen. Die Tiefe von erreichbaren
Spechtlöchern sowie von Höhlungen kann mit dem Zollstock einfach und schnell
gemessen werden. Durch eine zweite Messung der Stammdicke im Bereich des
Schadens kann der Ausfaulungsgrad näherungsweise bestimmt werden. Dies
erspart oftmals unnötige weitergehende meßtechnische Untersuchungen.
Bei auffällig schief
stehenden Bäumen kann versucht werden, die Ovalisierung des Stammes durch
Zug-/Druckholzbildung festzustellen. Dies ist mit dem Zollstock allerdings
nur bei einer deutlich ausgeprägten Ovalisierung möglich. Ansonsten sind
weitergehende Untersuchungen, zum Beispiel mit einer Meßkluppe, erforderlich.
Ein Stechbeitel
in großer Ausführung (der Verfasser arbeitet mit einer Klingenbreite von
3,5 cm) ist das bei weitem wichtigste Kontrollwerkzeug. Er dient vor allem
zum Abklopfen des Stammfußes insbesondere zwischen den Wurzelanläufen.
Damit können alle verkehrsgefährdende Fäulen erkannt werden, die von wurzelbürtigen
Fäuleerregern verursacht sind und bereits den Stammantel erreicht und
zersetzt haben. Die Faulstellen können mit dem Stechbeitel freigelegt
und genauer untersucht werden. Bei dickborkigen Bäumen können störende
Borkenplatten beseitigt werden. Erreichbare
Wassertaschen in V-förmigen Vergabelungen können genauer untersucht werden.
Usw.
Das Abklopfen der Stammfüße
von Bäumen ist eine alte Kontrolltechnik, die nur noch selten angewandt
wird. Sie zwingt durch den unmittelbaren Kontakt den Baumkontrolleur nicht
nur, sich näher mit diesem neuralgischen Punkt zu befassen, sondern hilft
auch insbesondere bei dickborkigen Bäumen zum Beispiel durch den Brandkrustenpilz
verursachte verkehrsgefährdende Fäulen leicht zu erkennen. Häufig haftet
trotz fortgeschrittener pilzbedingter Holzzersetzung die Borke auf dem
statikrelevanten Schaden an. Dies wird bei oberflächlicher Prüfung oftmals
übersehen. In den Händen des erfahrenen Baumkontrolleurs erspart der Stechbeitel
viele unnötige weitergehende meßtechnische Untersuchungen. Vor allem aber
garantiert sein fachgerechter Einsatz erheblich höhere Sicherheit bei
der Baumkontrolle.
2 Die acht eindeutigen Schadsymptome hinsichtlich der Baumstatik
Vorhersehbares Baumversagen
läßt sich bei Beachtung der nachfolgenden acht eindeutigen Schadsymptome
weitgehend ausschließen.
1. Pilzfruchtkörper holzabbauender Arten,
2. fäulebedingte Einwallungen / abgestorbene Rindenpartien,
3. tiefreichende Höhlungen,
4. V-förmige Vergabelungen,
5. angebrochene Äste oder Stämme,
6. verlassene Spechthöhlen,
7. Totäste und
8. stammnahe, konzentrisch verlaufende und aufklaffende Bodenrisse.
Ein eindeutiges Schadsymptom
ist stets ein sicherer Hinweis auf einen statikrelevanten Schaden. Es
darf nicht übersehen werden. Daneben können hinweisende Symptome auf baumstatische
Probleme deuten. Zumeist sind sie jedoch hinsichtlich der Stand-/Bruchsicherheit
ohne Belang. Auf hinweisende Symptome wird in Kapitel 5 dieses Aufsatzes
eingegangen.
Baumversagen ist nicht
immer vorhersehbar. Es können sowohl intakte Bäume versagen als auch Bäume
mit Vorschäden, die bei der Sichtkontrolle nicht feststellbar waren. Vorhersehbares
Baumversagen geht in der Regel mit einem der oben genannten acht eindeutigen
Schadsymptome einher. Insbesondere statikrelevante Wurzelschäden entziehen
sich dem Einblick des Baumkontrolleurs. Das Erscheinungsbild der Krone
ist einige Jahre nach Starkwurzelkappungen ein trügerischer Ratgeber.
Neugebildete Adventivwurzeln sorgen für eine grüne Baumkrone und stellen
allmählich das biologische Gleichgewicht des Baumlebewesens wieder her,
nicht aber die Statik.
3 Pilzfruchtkörper holzabbauender Arten
Erstes und wesentliches
Schadsymptom am stehenden Baum sind die ausgebildeten Pilzfruchtkörper
holzabbauender Arten. In der Regel treten sie erst viele Jahre nach einer
bedeutsamen Schädigung auf, wenn die Holzzersetzung bereits weiter fortgeschritten
ist. Ausgangspunkt von Holzzersetzungen sind fast immer Verletzungen.
Stadtbäume sind meist im Wurzelbereich sowie am Stamm und in der Krone
durch Wurzel- und Astkappungen oder andere Eingriffe in die Baumsubstanz
vorgeschädigt.
Die Kappungsstellen
von Wurzeln und Ästen sowie andere Freilegungen der Holzgewebe werden
von Pathogenen befallen. Das Bestreichen mit Wundverschlußmitteln kann
dies nicht verhindern. Von Bedeutung für die Stand-/Bruchsicherheit sind
hierbei vor allem holzabbauende Pilze. Die Gefährlichkeit einer Besiedlung
hängt insbesondere ab von der Art der freigelegten Holzgewebe, der Größe
der Wundfläche sowie der Nähe zu zentralen tragenden Strukturen, wie Wurzelstock
oder Stamm.
Besonders gefährlich
sind stammnahe Kappungen dicker Wurzeln und Äste. Je kleiner die gekappte
Wurzel / der gekappte Ast, desto höher ist die Konzentration lebender
Parenchymzellen (bezogen auf die Querschnittsfläche) und um so effektiver
erfolgen die baumeigenen Abwehrreaktionen gegen den Pilz.
Anders verhält es sich,
wenn holzzersetzende Pilze die Wundfläche einer gekappte Starkwurzel /
eines gekappten Starkastes infizieren. Dann sind die Bedingungen für eine
Etablierung des Pilzes im Baum äußerst günstig. Das freigelegte Kern-
oder Reifholz dient als ideales Substrat für eine Infektion, da im toten
Gewebe keine Abwehrreaktionen erfolgen können. Der Fäuleerreger ist in
der Lage, sich im Kern- oder Reifholz langfristig zu etablieren und er
kann sich zunächst fast ungehindert in axialer und radialer Richtung ausbreiten.
Somit kann der Pilz ein enormes Inokolumpotential aufbauen (dies beschreibt
die Wachstumsenergie eines holzzersetzenden Pilzes, die sich proportional
zu seiner Querschnittsfläche verhält, die mit der Oberfläche des Wirtes
in Verbindung steht). Ist der Pilz im Bauminnern erst einmal etabliert,
reichen die baumeigenen Abwehrreaktionen im lebenden Splintholz häufig
nicht mehr aus, eine Besiedlung des Splintholzes zu verhindern. Dieser
allmähliche Holzabbau durch fortschreitende, pilzbedingte Fäulnis führt
zu einer allmählichen Verringerung der Stand-/Bruchsicherheit. Ungeachtet
der Pilzart lassen die verschiedenen Befallsbilder bereits erste Rückschlüsse
auf die Gefährlichkeit zu.
3.1 Auftretensort
Wächst ein Pilzfruchtkörper
am Stamm oder in der Krone durch die intakt erscheinende Borke hindurch,
muß von einer umfangreichen Fäule ausgegangen werden. Beim Auftreten an
Astungswunden oder oberflächlichen Stammschäden kann eine nur örtlich
begrenzte Fäule vorliegen. Treten Pilzfruchtkörper örtlich zusammen mit
einem weiteren eindeutigen Schadsymptom auf, daß heißt an tiefreichenden
Höhlungen oder an verlassenen Spechthöhlen, besteht erhöhte Bruchgefahr.
Dies gilt insbesondere für den Bereich V-förmiger Vergabelungen.
3.2 Baumform
Ist ein pilzbefallener
Stammfuß stark verbreitert (kräftige Wurzelanläufe, Wurzelplatte), so
ist der Baum meistens noch sicher. Bei „normaler“ Wurzelanlaufbildung
kann Kipp-/Bruchgefahr bestehen. Ist eine nur schwache oder sogar keine
Verbreiterung der Stammbasis feststellbar, ist der Pilzbefall häufig verkehrsgefährdend.
Bestandsbäume in enger Konkurrenz zu Nachbarbäumen, die schlank und hoch
gewachsen sind, weisen grundsätzlich geringe Sicherheitsreserven auf.
Frei gewachsene Bäume mit ihrer eher gedrungenen Baumform verfügen im
Vergleich dazu über wesentlich höhere Sicherheitsreserven (unterschiedlicher
Sicherheitsfaktor).
3.3 Befallsstadium
/ Baumgröße / Baumart
Im Anfangsstadium der
Fruchtkörperbildung sind viele Bäume noch sicher. Als Anfangsstadium definiert
der Verfasser das erstmalige Auftreten von einem Pilzfruchtkörper. Im
fortgeschrittenen Befallsstadium, d.h. wenn Pilzfruchtkörper zumindest
an zwei Stammseiten auftreten oder wenn sie an einer Stelle gehäuft erscheinen
beziehungsweise wenn sie schon seit vielen Jahren auftreten, besteht erhöhte
Kipp-/Bruchgefahr. Im weit fortgeschrittenen Befallsstadium erscheinen
Pilzfruchtkörper an drei und mehr Stammseiten beziehungsweise massiv gehäuft
zumindest an einer Stelle. Meistens besteht dann Kipp-/Bruchgefahr (Ausnahme
vor allem Riesenporling an Rotbuche, Lackporling an Eiche u.a.). In diesem
Befallsstadium sind Bäume nur noch dann sicher, wenn sie frei gewachsen
und bereits gekappt sind und/oder wenn sie sich durch hohe Materialfestigkeiten
und gutes Abschottungsvermögen auszeichnen, wie Stieleiche, Esche, Platane.
Desweiteren spielt
die Aggressivität der Pilzgattung/-art eine bedeutsame Rolle. Die verschiedenen
Befallsstadien im nachfolgenden Text beziehen sich jeweils auf die für
den Baumkontrolleur feststellbare Pilzfruchtkörperbildung. Bekannterweise
kann ein Pilzbefall im Baum schon Jahrzehnte gedauert haben, bevor erste
Pilzfruchtkörper gebildet werden. Außerdem ist das Befallsbild je nach
Pilzart unterschiedlich, diese Einteilung in drei Befallsstadien also
nur ein grobes Raster.
Im einzelnen hängt
die Gefährlichkeit eines Pilzbefalles hinsichtlich der Baumstatik ab von
· Pilzgattung / -art
· Inokolumpotential des Pilzes
· Befallsstadium
· Ort des Auftretens
· Baumgattung / -art
· Vitalität des Baumes
· Baumgröße (Verhältnis Windangriffsfläche zu Stammdicke)
· Baumform (Wurzelanläufe, Bestandsbaum / frei gewachsen).
Die gefährlichsten
Pilzarten und ihre Erscheinungsbilder je nach Fäulefortschritt muß der
Baumkontrolleur kennen. Er sollte auch in der Lage sein, z.B. harmlose
Streuzersetzer, die am Stammfuß von Bäumen auftreten können, auszuschließen.
Können Pilzfruchtkörper nicht zugeordnet werden, gilt grundsätzlich: Vorsicht!,
wenn sie auf dem Holzkörper des Baumes ansitzen.
3.4 Die 13 wichtigsten
Pilzgattungen / Arten
Die Pilzfruchtkörper
der 13 nachfolgenden wichtigsten Gattungen / Arten an Stadtbäumen sollte
und zumindest die 11 gefährlichsten muß ein Baumkontrolleur kennen (geordnet
nach der Gefährlichkeit / Häufigkeit). Falls Meßerfahrungen mit statikintegrierten
Zugversuchen (AfB-Methode und Dilatometerverfahren) vorliegen, erfolgt
eine Wertung des Pilzbefalles hinsichtlich der Auswirkung auf die Baumstatik.
Die nachfolgende Auswertung beruht insbesondere auf eigenen Praxiserfahrungen
der Untersuchung pilzbefallener Bäume und bringt aufgrund der Stand- und
Bruchsicherheitsmessungen mit der AfB-Methode und dem Dilatometerverfahren
neue Erkenntnisse zur visuellen Beurteilung der Baumstatik, die fester
Bestandteil biostatischer Baumkontrollen sind.
ÜBERSICHT PILZART
/ AUFTRETENSZEITRAUM UND -BEREICH
* Ganoderma applanatum
und G. adspersum u.a. - Lackporlinge (Fruchtkörper ganzjährig, mehrjährige
Fruchtkörper, Auftreten an Höhlungen / Stammfuß / Stammkopf)
* Ustulina deusta - Brandkrustenpilz (imperfekte grauweiße Fruchtkörper
von April bis Juni, dann perfektes Stadium, schwarze Krusten, ganzjährig,
Vorkommen am Stammfuß / Höhlungen / am Stamm)
* Laetiporus sulphureus - Schwefelporling (kurzlebige Fruchtkörper ab
Mai bis Herbst, weißliche, entfärbte Fruchtkörperreste können noch bis
zum nächsten Jahr ansitzen, Auftreten an Stammfuß / Stamm / Krone)
* Inonotus hispidus - Zottiger Schillerüorling (kurzlebige Fruchtkörper
(Juni bis Sept.), abgestorbene schwarze Fruchtkörper(reste) häufig bis
zum nächsten Jahr ansitzend, Vorkommen an Stamm / Krone)
* Meripilus giganteus - Riesenporling (kurzlebige Fruchtkörper von Juli
bis November, zerfallene schwarze Fruchtkörperreste noch etwas länger
feststellbar, Auftreten an Stammfuß / Baumstandort bis in mehrere Meter
Entfernung vom Stamm)
* Pholiota squarrosa - Sparriger Schüppling (kurzlebig ab August bis November,
eingetrocknete rotbraune Fruchtkörperreste können bis in den Sommer des
nächsten Jahres erkennbar sein, Vorkommen am Stammfuß, da an Stielen,
oft einige cm seitlich der Stammbasis auftretend)
* Phellinus ssp.- Feuerschwamm - Vorkommen ganzjährig / mehrjährig anStamm
/ Krone
* Piptoporus betulinus - Birkenporling - Vorkommen ganzjährig, mehrjährige
Fruchtkörper an Stamm / Krone
* Fomes fomentarius - Zunderschwamm - Fruchtkörper ganzjährig / mehrjährig,
an Stamm / Krone
* Armillaria mellea und A. ssp. - Hallimasch - kurzlebige Fruchtkörper
von Juli bis November, Auftreten an Stammfuß / Höhlungen
* Polyporus squamosus - Schuppiger Porling - kurzlebige Fruchtkörper im
Sommer bis Herbst an Krone / Stamm
* Inonotus dryadeus - Tropfender Schillerporling - Fruchtkörper von Sommer
bis Herbst an Stammfuß / Stamm
* Fistulina hepatica - Leberpilz / Ochsenzunge - Fruchtkörper von Sommer
bis Herbst, nicht alljährlich, an Stamm / Höhlungen
Die Übersicht zeigt
die Zeiträume, in denen die 13 wichtigsten Pilzgattungen an Bäumen anhand
der Fruchtkörperbildung festgestellt werden können sowie die Auftretensbereiche.
Differenzen in der Häufigkeit des Auftretens sind je nach Standort möglich:
Der Zottige Schillerporling zum Beispiel ist eine wärmeliebende Art, die
im Rhein-Main-Gebiet allgemein häufiger anzutreffen ist als zum Beispiel
im norddeutschen Flachland. Aus der Übersicht wird deutlich, daß
die jährliche Baumkontrolle ab August/September durchgeführt und bis zum
Winter beendet sein sollte. In dieser Zeit sind die Pilzfruchtköper beziehungsweise
deren Reste fast aller statikrelevanten Gattungen feststellbar. Bei größeren
Baumbeständen empfiehlt sich ein turnusmäßiger Wechsel.
3.4.1 Die zwei gefährlichsten
/ häufigsten Pilzgattungen/-arten
Zunächst werden die
zwei gefährlichsten Pilzgattungen/-arten und bedeutsamsten Schaderreger
unter den holzabbauenden Pilzen an Stadtbäumen genannt. Jeder Baumkontrolleur
muß sie kennen. Ein Befall kann hier -wenn Pilzfruchtkörper ausgebildet
sind- ganzjährig festgestellt werden.
· Lackporlinge
(Ganoderma applanatum und G. adspersum u.a.) Vorkommen an allen Laubbaumarten,
am häufigsten an Eiche und Linde, selten an Nadelbäumen. Weißfäuleerreger.
Die Arten sind morphologisch und in Bezug auf das Schadbild ähnlich. Für
die Praxis ist eine Unterscheidung nicht erforderlich. Sie gehören zu
den gefährlichsten Holzzersetzern überhaupt: Beim Auftreten ihrer Fruchtkörper
ist bei noch nicht gekappten Bäumen zunächst mit Kipp-/Bruchgefahr zu
rechnen. Bäume mit sehr dicken Stämmen und / oder gekappte Bäume können
noch sicher sein. Die Gefährlichkeit eines Pilzbefalles mit Ganoderma
ist außerdem je nach Baumart unterschiedlich. Arten wie die Stieleiche
widerstehen noch lange, Linden dagegen offenbar nicht.
Bisher waren alle mit
Ganoderma befallenen und gemessenen Linden bruchgefährdet (keine davon
war bereits gekappt, alle mit Befall im fortgeschrittenem Stadium), während
rund 71 % der gemessenen Stieleichen noch sicher waren (ebenfalls -bis
auf 1 Ausnahme- nicht gekappte Bäume und fortgeschrittener Befall).
Eine 18,4 m hohe freistehende
Naturdenkmal-Eiche mit einem Stammumfang von 3,45 m wies trotz fortgeschrittenem
Befall (Pilzfruchtkörper auf 2 Stammseiten) noch 4,3-fache Bruchsicherheit
auf. Zur Standsicherheit: Die Standsicherheit wurde bei ca. 4 % der gemessenen
Bäume nachhaltig beeinträchtigt (Standsicherheitsklasse 3 = grenzwertig
standsicher), ca. 10 % aller gemessenen Bäume waren kippgefährdet.
· Brandkrustenpilz
(Ustulina deusta) Vorkommen an verschiedenen Laubbaumarten, vor allem
an Rotbuche und Linde, weniger häufig an Ahorn, Roßkastanie, Esche, Platane
etc., selten an Nadelbäumen. In der Regel Weißfäuleerreger, ist auch in
der Lage, eine Moderfäule zu verursachen. Das Auftreten der Pilzfruchtkörper
an der Stammbasis durch die intakt scheinende Borke hindurch ist ein Hinweis
auf ausgedehnte Fäulen und Kipp-/Bruchgefahr.
Nur rund 20 % der gemessenen
Linden mit diesem Befallsbild waren noch bruchsicher. Anders bei Rotbuchen:
Haben die befallenen Bäume eine breite Stammbasis mit kräftigen Wurzelanläufen
ausgebildet, die als regelrechte Wurzelplatte ausgeformt sein kann, sind
die Bäume meistens noch sicher. Im Gegensatz zu anderen Baumgattungen
sind Rotbuchen in der Lage, den pilzbedingten fortschreitenden Holzabbau
gut einzugrenzen und über längere Zeit auf einen kleineren Stammabschnitt
zu begrenzen. Beim Auftreten an Schadstellen im Bereich über den Wurzelanläufen,
zum Beispiel an alten Stämmlingskappungen, kann der befallene Baum ebenfalls
noch sicher sein.
Ein nicht gekappter
Spitzahorn mit Befall in der Anfangsphase bis fortgeschrittenen Phase
an einer tiefreichend eingefaulten Stämmlingskappung in ca. 3 m Höhe war
noch mit 2,1-facher Sicherheit bruchsicher.
Zur Standsicherheit:
Die Standsicherheit wurde bei ca. 8 % aller gemessenen Bäume nachhaltig
beeinträchtigt (grenzwertige Standsicherheit), es war jedoch kein Baum
kippgefährdet. Ein Baumkontrolleur einer großen hessischen Stadt berichtete
dem Verfasser, daß eine Linde ohne äußerlich erkennbare Symptome abgebrochen
war und Sachschäden angerichtet hatte. Anhand der schwarzen Demarkationslinien
im inneren des weitgehend abgebauten Stammholzes diagnostizierte er nach
dem Baumversagen einen Befall mit dem Brandkrustenpilz. Einen vergleichbaren
Fall des Baumversagens einer Linde hat der Verfasser vor einigen Jahren
für ein Straßenbauamt untersucht. In beiden Fällen war das pilzbedingte
Baumversagen unvorhersehbar, da keinerlei Schadsymptome ausgebildet waren.
Der Brandkrustenpilz hinterläßt schwarze Begrenzungslinien einzelner Befallszonen
im weißfaulen Holz.
3.4.2 Neun weitere
gefährliche / häufige Pilzgattungen/-arten
Die nächsten neun weiteren
Pilzgattungen/-arten sind ebenfalls bedeutsame und zumeist häufige Schaderreger
an Stadtbäumen, die ein Baumkontrolleur kennen muß. Sie sind jedoch zumindest
in der Anfangsphase des Befalls grundsätzlich weniger gefährlich als die
zwei erstgenannten Gattungen oder nur selten anzutreffen.
· Schwefelporling
(Laetiporus sulphureus) Vorkommen insbesondere an Eichen, Robinien und
Weiden sowie seltener an einigen anderen Laubbaumarten und an Nadelbäumen.
Braunfäuleerreger. Bisher waren auch im fortgeschrittenen Befallsstadium
alle gemessenen Eichen stand- und bruchsicher (Standsicherheitsklasse
1, geringster Bruchsicherheitswert = 2,1-fache Sicherheit). Die untersuchten
Eichen wiesen aufgrund ihrer Wuchsform (freistehend) stets hohe Sicherheitsreserven
auf, d.h. bei Bestandsbäumen, die in enger Nachbarschaft zu Nachbarbäumen
stehen (schlanke, hohe Wuchsform) ist Vorsicht geboten. Ebenfalls bei
weit fortgeschrittenem Pilzbefall.
Gemessene freistehende
Robinien waren im Anfangsstadium des Befalls stets bruchsicher, erst bei
weit fortgeschrittenem Befall bestand stets Bruchgefahr. Reicht ein fortgeschrittener
Befall bis hoch in die Krone besteht die Gefahr von Starkastausbrüchen.
Zur Standsicherheit:
Diese wird aufgrund des Befallsschwerpunktes an oberirdischen Baumteilen
meistens nicht beeinträchtigt. Lediglich in einem Fall war eine schiefstehende
Robinie mit weit fortgeschrittenem Befall bis in den Stammfußbereich hinein
kippgefährdet.
· Zottiger Schillerporling
(Inonotus hispidus) Vorkommen vor allem an Platane, Esche, Schnurbaum
sowie Walnußbaum und nur sporadisch an anderen Laubbäumen (häufig auch
an Apfelbäumen, mit denen ein Baumkontrolleur jedoch nur selten zu tun
hat). An Nadelbäumen tritt der Pilz nicht auf. Weißfäuleerreger, an Platanen
selten auch Moderfäule möglich.
Der Pilz kommt fast
ausschließlich an alten Astabbruchstellen, Astabschnitten und Kronenankern
vor. Außer an den Fruchtkörpern kann ein Befall an den oftmals deutlichen
Rindennekrosen an den Überwallungswülsten um die Schadstelle erkannt werden,
da der Pilz im Befallsbereich auch das Kambium parasitieren kann.
Der Stämmling einer
frei gewachsenen etwa 100-jährigen nicht gekappten Platane in Frankfurt/M.
war etwa 10 Jahre nach erster Fruchtkörperbildung noch ausreichend bruchsicher
(geringster Bruchsicherheitswert = 1,6-fache Sicherheit).
Drei nicht gekappte,
frei gewachsene Eschen wiesen im Anfangsstadium des Befalles am Stamm
um 3-fache Bruchsicherheit auf. Bei einer weiteren Esche dieses Bestandes
war in weit fortgeschrittenem Befallsstadium ein horizontal gewachsener
Starkast ausgebrochen, der Stamm war noch grenzwertig bruchsicher (1,4-fache
Bruchsicherheit). Außer an den zahlreichen Pilzfruchtkörpern, die bereits
durch die Borke hindurch wuchsen, wiesen absterbende Kronenteile auf das
weit fortgeschrittene Befallsstadium hin. Eine weitere Esche am selben
Standort war in Konkurrenz zu den Nachbarbäumen wie ein Waldbestandsbaum
schlank und hoch gewachsen (= geringe Sicherheitsreserven). Der Pilzbefall
war im Anfangsstadium bis fortgeschrittenen Stadium. Der Baum war bruchgefährdet.
An diesem Baum war außerdem eine Spechthöhle über der pilzbefallenen Stelle.
Fazit: Ausbruchgefahr
besteht bei dieser Pilzart erst ab fortgeschrittenem Befallsstadium (abnehmende
Vitalität / 1 Pilzfruchtkörper schon seit vielen Jahren beziehungsweise
gehäuftes Auftreten von Pilzfruchtkörpern). Ausnahmen können schlanke
und hoch gewachsene Bestandsbäume mit geringeren Bruchsicherheitsreserven
beziehungsweise deren Stämmlinge sowie mehr oder weniger horizontal wachsende
Stämmlinge / Hauptäste sein. Standsicherheitsprobleme wurden wegen der
Beschränkung des Befalles auf obere Stammbereiche beziehungsweise auf
die Krone bislang nicht festgestellt.
· Riesenporling
(Meripilus giganteus). Vorkommen vor allem an Rotbuchen, selten an Eichen,
vor allem Roteichen, sporadisch an wenigen anderen Laubbaumarten. Weißfäuleerreger.
Die Bruchsicherheit des Stammes kann der Pilz offenbar nicht bedeutsam
verringern (bisher geringster Bruchsicherheitswert bei weit fortgeschrittenem
Befall = 2,7-fache Bruchsicherheit am Stammfuß). Der Pilz ist ein wurzelbürtiger
Fäuleerreger und beeinträchtigt die Standsicherheit.
Es waren rund 87 %
der gemessenen Rotbuchen standsicher. Entscheidend für die visuelle Beurteilung
des Gefährdungspotentials ist zunächst weniger der Befallsfortschritt
als vielmehr die Wuchsform des befallenen Baumes. Rotbuchen mit kräftigen
Wurzelanläufen, die als regelrechte Wurzelplatte ausgebildet sein können,
waren auch bei weit fortgeschrittenem Befall fast immer standsicher (in
zwei aktuellen Fällen trotz sehr kräftiger Wurzelanläufe an frei gewachsenen
Bäumen nur noch grenzwertige Standsicherheit).
Eine etwa 120-jährige
freistehende Rotbuche mit sehr kräftigen Wurzelanläufen in Frankfurt/M.
wurde erstmals 1993 gemessen und war hochgradig standsicher. Der Baum
wies bereits damals starke Fruchtkörperbildung zwischen sämtlichen Wurzelanläufen
und Absterbeerscheinungen in der Krone auf. Eine Nachmessung im Jahr 2002
ergab, daß der Baum, fast neun Jahre nach der Erstmessung, nur noch grenzwertig
standsicher war.
Ein anderer etwa 100-jähriger
Baum mit weit fortgeschrittenem Befall war bereits am Absterben und noch
immer hochgradig stand- und bruchsicher. Eine Roteiche mit weit fortgeschrittenem
Befall, die schlank und hoch gewachsen war (Bestandsbaum) erwies sich
als kippgefährdet, eine Stieleiche mit Befall im Anfangsstadium und gleichzeitigem
fortgeschrittenen Befall durch den Tropfenden Schillerporling war stand-
und bruchsicher.
· Sparriger Schüppling
(Pholiota squarrosa) Vorkommen vor allem an Linde, auch Rotbuche, seltener
an Esche, Ahorn etc. Nur selten an Nadelbäumen. Weißfäuleerreger. Bisher
waren rund 43 % der gemessenen freistehenden Bäume stand- und bruchsicher.
Bei diesen sicheren Bäumen war der Pilzbefall stets im Anfangsstadium
beziehungsweise im Anfangsstadium bis fortgeschrittenen Stadium. Im Stammfußbereich
bruchgefährdete Bäume wiesen fortgeschrittenen Pilzbefall mit dem Auftreten
von Pilzfruchtkörpern auf allen Stammseiten beziehungsweise zusätzlichen
Befall mit dem Brandkrustenpilz auf. Kippgefährdet war keiner der gemessenen
Bäume, obwohl der Pilz ein wurzelbürtiger Fäuleereger ist. Schlank und
hoch gewachsene Bestandsbäume sind -wie bereits ausgeführt- anders zu
bewerten.
Gar nicht so selten
können im Stamm- und Kronenbereich von Laubbäumen, insbesondere Linden
und Ahorn, an Astlöchern und ähnlichen Verletzungen, ab Spätherbst bis
Dezember die einfarbig gelben, bestielten Fruchtkörper des Goldfellschüpplings
(Pholiota aurivella) festgestellt werden. Der Pilz ist weniger aggressiv
und bei vitalen und gut abschottenden Baumarten hinsichtlich der Verkehrssicherheit
eher ohne Bedeutung. Bei geschwächten Weichhölzern, wie zum Beispiel Pappeln,
kann der Pilzbefall gefährlich sein.
· Feuerschwamm
(Phellinus ssp.) Die vielen verschiedenen Arten des Feuerschwamms sind
mehr oder weniger auf bestimmte Baumarten spezialisiert. Für den Baumkontrolleur
bedeutsam sind der Eichen-Feuerschwamm (Phellinus robustus, an
Eichen, seltener auch an anderen Laubbaumarten), der Espen-Feuerschwamm
(Phellinus tremulae, vor allem an Zitterpappel, selten an anderen Pappelarten)
und der Graue Feuerschwamm (Phellinus igniarius, vor allem an Weiden
und Pappeln). Weißfäuleerreger.
Während der Eichen-Feuerschwamm
bei seinem Auftreten vor allem an Astungswunden als weniger gefährlich
gilt, d.h. Bruchgefahr soll erst Jahre oder gar Jahrzehnte nach dem ersten
Auftreten der Pilzfruchtkörper bestehen (dies entspricht auch der eigenen
Erfahrung), ist ein Befall durch die anderen Feuerschwammarten an Weichholzarten
wie Pappel und Weide stets bedeutsam.
In einem Gutachtenfall
wies eine Naturdenkmal-Eiche die Ausbildung von Pilzfruchtkörpern des
Eichen-Feuerschwamms an dem zwei Meter dicken Stamm auf. Der Baumstamm
ist laut Meßergebnis hochgradig bruchsicher. Eine freistehende und nicht
gekappte Trauerweide mit Feuerschwammbefall erwies sich bei statikintegrierten
Zugmessungen als bruchgefährdet. Der Pilzbefall war bereits in weit fortgeschrittenem
Befallsstadium.
In einem Park in B.
führte 1986 ein Stämmlingsausbruch aus einem mit Phellinus befallenen
Baum zu einem Unfall mit Todesfolge. Der Pilzbefall im Bereich der V-förmigen
Vergabelung (zwei eindeutige Schadsymptome zusammen!!) hätte bei Sichtkontrollen
als gefährlich erkannt werden müssen. In einem anderen Praxisfall war
aus einem größeren Baumbestand aus Silberweiden ein Baum auf einen Parkplatz
gestürzt. Sowohl dieser als auch alle anderen Bäume des Bestandes wiesen
weit fortgeschrittenen Befall mit Phellinus auf und mußten wegen Kipp-/Bruchgefahr
gefällt werden..
· Birkenporling
(Piptoporus betulinus) Dieser streng wirtsspezifische Pilz befällt alte,
geschwächte Birken, insbesondere unterständige Bäume die unter Lichtmangel
leiden. Deshalb ist er eher selten und vor allem in Parkanlagen anzutreffen.
Braunfäuleerreger. Beim Auftreten von Pilzfruchtkörpern an Bestandsbäumen
besteht nach den Erfahrungen des Verfassers stets Bruchgefahr. Häufig
deuten abgestorbene Kronenteile auf ein fortgeschrittenes Befallsstadium
hin. Eine Birke mit Pilzbefall in weit fortgeschrittenem Befallsstadium
war laut Meßergebnis bruchgefährdet.
· Zunderschwamm
(Fomes fomentarius) Vorkommen vor allem an alten Rotbuchen in Wäldern
und auch in Parkanlagen, selten an Birke und einigen anderen Laubbaumarten.
Weißfäuleerreger. Dieser typische Vertreter von holzzerstörenden Pilzen
in Buchenwäldern wird deshalb aufgeführt, da dem Verfasser zwei Fälle
pilzbedingten Baumversagens im städtischen Bereich bekannt sind.
In einem Fall war auf
einem Privatgrundstück aus einer etwa 100-jährigen Rotbuche mit fortgeschrittenem
Befall ein Starkast ausgebrochen und hatte Sachschäden verursacht.
In dem anderen
Fall war ein Stämmling mit weit fortgeschrittenem Befall aus einer etwa
120-jährigen Rotbuche, die in einer innerstädtischen Parkanlage steht,
ausgebrochen.
Nach diesen Erfahrungen
sind freigewachsene Rotbuchen spätestens im fortgeschrittenen Befallsstadium
durch den Zunderschwamm bruchgefährdet. Der Zunderschwamm hinterläßt schwarze
Begrenzungslinien einzelner Befallszonen im weißfaulen Holz.
· Honiggelber Hallimasch
(Armillaria mellea) und andere Hallimascharten Vorkommen an allen Baumarten
(sehr geringe Wirtsspezifität). Dieser häufige Pilz wird wegen der Kurzlebigkeit
seiner Fruchtkörper oft übersehen. Wie bei anderen Pilzarten kann die
Infektion durch Sporenflug über Wunden erfolgen. Häufig aber unterscheidet
sich der Hallimasch von seinen „Kollegen“ im Befallsmuster: Während fast
alle Pilzarten den lebenden Splintholzbereich der Bäume zunächst meiden
und sich über den Abbau des inaktiven Holzes im zentralen Bereich der
Holzgewebe von innen nach außen „vorarbeiten“, ist die Besiedlungsweise
des Hallimasch häufig umgekehrt:
Er dringt über die
Wurzeln oder Verletzungen an der Stammbasis unter der Borke in den Splintholzbereich
ein und unterbricht dort die Leitbahnen. Bei wenig vitalen Bäumen tötet
der Pilz allmählich weite Bereiche des Kambiums und des Leitbahnsystems
ab. In der Folge stirbt der Baum spätestens nach einigen Jahren, ohne
daß es zu einer Beeinträchtigung der Stand-/Bruchsicherheit kommt. Der
Befall kann das ganze Jahr über an der sich ablösenden Borke (hohler Klang
beim Abklopfen) und dem darunter liegenden weißen, fächerförmigen Mycel
(in frisch befallenen Bereichen) beziehungsweise an schwarzen, 1 bis 2
mm dicken Mycelsträngen (bei älterem Befall) erkannt werden. Häufig lassen
sich rasch voranschreitende Absterbeerscheinungen in der Krone feststellen.
Vitale Bäume können durch Verkernungsbarrieren die Ausbreitung des Pilzes
im Kambiumbereich stoppen.
In dem bereits befallenen
Stammsegment entsteht dann eine Weißfäule, die von gut abschottenden Baumarten,
wie zum Beispiel Eichen, in ihrer Tiefenausdehnung eingegrenzt wird. Weniger
widerstandfähige Baumarten wie Fichten und Pappeln können die Ausbreitung
des Pilzes in das Stamminnere nicht verhindern, so daß sich im Laufe der
Zeit eine umfangreiche verkehrsgefährdende Weißfäule entwickeln kann.
Die älteste Rotbuche Belgiens, die in Brüssel steht / stand, ist unter
anderem diesem Pilz zum Opfer gefallen.
· Schuppiger Porling
(Polyporus squamosus) Vorkommen vor allem an Roßkastanie, Ahorn und Linde,
seltener an einigen anderen Laubbaumarten. Der Weißfäulerreger gilt zumindest
in der Anfangsphase des Pilzbefalles allgemein als weniger gefährlich,
erst bei weit fortgeschrittenem Befallsstadium soll Bruchgefahr insbesondere
von Ästen aus der Krone, bestehen.
Der Stämmling eines
nicht gekappten Spitzahornbaumes ist trotz der Ausbildung von Pilzfruchtkörpern
an der eingefaulten Basis seit ca. 3 Jahren nach visueller Beurteilung
bruchsicher. Roßkastanien wiesen ca. 2 Jahre nach ihrer Kappung starken
Befall mit Schuppigem Porling auf. Zum Teil waren die ganzen Baumkronen
durchwachsen und die Pilzfruchtkörper erschienen außer an den Kappungsstellen
auch an alten, eingefaulten Schadstellen. Die Stämmlinge waren nach visueller
Beurteilung vor allem aufgrund der durch die Kappung stark verringerten
Windlast bruchsicher.
3.4.3 Vier weitere,
weniger gefährliche / häufige Pilzgattungen/ -arten
Nachfolgend werden
vier weitere, jedoch hinsichtlich der Stand- und Bruchsicherheit weniger
bedeutsame beziehungsweise eher selten anzutreffende holzabbauende Pilzarten
aufgeführt (dennoch: Vorsicht spätestens in fortgeschrittenem Befallsstadium).
· Eschenbaumschwamm
(Perenniporia fraxinea) Vorkommen vor allem an Robinie, auch an Esche
und an einigen anderen Laubbaumarten. Der wurzelbürtige Weißfäuleerreger
ist selten und wurde in Deutschland erst in den letzten Jahren festgestellt.
Eine Robinie mit weit fortgeschrittenem Befall und Pilzfruchtkörpern auf
allen Seiten am Stammfuß war nach visueller Beurteilung nicht mehr stand-/bruchsicher.
Im Bereich der ganzjährig feststellbaren Fruchtkörper wurde mit einem
Stechbeitel eine tiefreichende Weißfäule nachgewiesen.
· Austernseitling
(Pleurotus ostreatus) Vorkommen vor allem an Linde, auch an Ahorn und
Roßkastanie, selten an einigen anderen Laubbaumarten. Der stammbürtige
Weißfäuleerreger ist ein Schwächeparasit, der erst in einer weit fortgeschrittenen
Befallsphase an geschwächten Bäumen verkehrsgefährdende Fäulen verursachen
kann. Die Pilzfruchtkörper werden häufig übersehen, da sie erst ab November
bis Januar ausgebildet werden. Eine Naturdenkmal-Linde mit der Ausbildung
von Pilzfruchtkörpern am Stamm war nach visueller Beurteilung noch bruchsicher.
· Tropfender Schillerporling
(Inonotus dryadeus) Vorkommen an Eichen, der Pilz ist selten. Eine Stieleiche,
die seit vielen Jahren die Ausbildung eines großen Pilzfruchtkörpers am
Stammfuß zeigt und deren eine Stammhälfte im unteren Stammbereich bereits
abgestorben und ausgefault ist, war trotzdem noch hochgradig stand- und
bruchsicher (Standsicherheitsklasse 1 und 2,1-fache Bruchsicherheit).
Der wurzelbürtige Weißfäuleerreger gilt allgemein insbesondere in der
Anfangsphase des Befalls als weniger gefährlich.
· Leberpilz
oder Ochsenzunge (Fistulina hepatica) Vorkommen insbesondere an geschwächten
Eichen, selten an Eßkastanie. Hartröte, in fortgeschrittenem Stadium Braunfäuleerreger.
Alle bislang gemessenen Eichen waren auch bei fortgeschrittenem Pilzbefall
und schwersten Ausfaulungen bis unter etwa 1/30 Restwanddicke gesunden,
tragenden Holzes, jeweils stand- und bruchsicher. Bei den gemessenen Bäumen
handelte es sich um freistehende und bereits gekappte beziehungsweise
allmählich absterbende Naturdenkmalbäume. Nach den Erfahrungen des Verfassers
können bei Kenntnis dieser wenigen Pilze die meisten der an Stadt- und
Parkbäumen vorkommenden und hinsichtlich der Baumstatik bedeutsamen pilzlichen
Schaderreger bestimmt werden.
3.4.4 Einige weitere
an Stadtbäumen vorkommende Pilzarten
Weitere, jedoch nur
selten an Stadt- und Parkbäumen anzutreffende und/oder weniger aggressive
holzzersetzende Pilzarten:
· Die Schmetterlingstramete (Trametes versicolor) kann ganzjährig
an Wunden am Stamm und in der Krone von Eiche, Linde, Rotbuche, Roßkastanie
etc. festgestellt werden. Der Pilz verursacht eine meist lokal begrenzte
und hinsichtlich der Bruchsicherheit weitgehend unbedeutende Weißfäule.
Eine großflächig am Stamm befallene und gemessene Linde war bruchsicher.
· Die Buckeltramete
(Trametes gibbosa) ist ebenfalls ein typischer Wundparasit, dessen Pilzfruchtkörper
an vielen Laubbaumarten ganzjährig feststellbar sind. Der Pilz kann in
fortgeschrittenem Befallsstadium auch ausgedehntere Weißfäulen verursachen.
Eine befallene Naturdenkmal-Rotbuche mit großem Stammschaden wurde nach
visueller Prüfung bruchsicher beurteilt.
· Die vielhütigen Pilzfruchtkörper
des Klapperschwamms (Grifola frondosa) sind von Sommer bis Herbst
an Stammfuß / Wurzelanläufen alter Eichen feststellbar. Der wurzelbürtige
Weißfäuleerreger ist im urbanen Bereich selten. Eine befallene Stieleiche
in einer Parkanlage wurde nach visueller Beurteilung als standsicher beurteilt.
· Der Eichenwirrling
(Daedalea quercina) befällt nur Eichen, selten auch Eßkastanien. Der konsolenförmige
Braunfäuleerreger kann ganzjährig an Wunden am Stamm und in der Krone
festgestellt werden. Der Pilz beschränkt sich in der Regel auf den Abbau
des Kernholzes und kann erst in weit fortgeschrittenem Befallsstadium
zu Bruchsicherheitsproblemen führen. Eine untersuchte Stieleiche wies
die Ausbildung eines Pilzfruchtkörpers an einer alten und tief eingefaulten
Starkastkappung in der Krone auf. Nach visueller Beurteilung (mit Fernglas)
bestand keine Bruchgefahr.
Auf die weiteren nur selten vorkommenden holzabbauenden Pilzarten an städtischen
Laub- und Nadelbäumen wird im Rahmen dieses Aufsatzes nicht eingegangen.
Andere holzzerstörende Pilzarten können wegen der vergleichbaren Befallsbilder
ebenfalls erkannt werden. Das Befallsbild durch den Angebrannten Rauchporling
zum Beispiel ähnelt dem der Schmetterlingstramete (dachziegelartige Anordnung
der gehäuft auftretenden Fruchtkörper) und der Holzabbau ist hinsichtlich
der Verkehrssicherheit in der Regel ebenfalls weitgehend ohne Bedeutung.
Grundsätzlich ist beim
Auftreten von Pilzfruchtkörpern der o.g. Holzzersetzer eine meßtechnische
Untersuchung der Stand-/Bruchsicherheit erforderlich, auch wenn das Auftreten
von Pilzfruchtkörpern parasitisch lebender Arten nicht gleichzusetzen
ist mit mangelnder Verkehrssicherheit, wie in den Beispielen oben dargelegt.
Der Holzabbau kann je nach Baumart und Pilzart über viele Jahre, sogar
über Jahrzehnte, noch „im grünen Bereich“ verlaufen, vor allem wenn es
sich um eine wenig aggressive Pilzart handelt, der Pilzbefall noch im
Anfangsstadium der Fruchtkörperbildung ist und der Baum über große Sicherheitsreserven
verfügt (Stichworte: Dicker Stamm, gekappte Krone) und noch gute Zuwachsraten
aufweist (Stichwort: Vitalität).
4 Sieben weitere eindeutige Schadsymptome und ihre Bedeutung für die Baumstatik
4.1 Fäulebedingte
Einwallungen / abgestorbene Rindenpartien
Stockfäulen stellen
die wichtigste Problematik für die Verkehrssicherheit von Bäumen dar.
Der Fäulefortschritt vieler wurzelbürtiger Schadpilze dehnt sich in fortgeschrittenem
Stadium vom Wurzelstock ausgehend im Stamm aufwärts und von den zentralen
Stammbereichen zum Stammantel aus. Dort kann der Pilz den Splint durchwachsen,
äußerlich zeigen sich dann erste Schäden im Bereich zwischen den Wurzelanläufen.
In der Folge bildet sich eine Einwallung, da die benachbarten lebenden
Stammbereiche weiteren Dickenzuwachs aufweisen, der abgestorbene nicht.
Mit dem Fäulefortschritt in die Höhe wird die Einwallung immer länger.
Außer am Stammfuß können fäulebedingte Einwallungen auch an anderen Baumteilen
auftreten. Fäulebedingt abgestorbene Rindenpartien sind nicht nur auf
Einwallungen beschränkt. Manchmal sind großflächig ganze Stammbereiche
einschließlich der Wurzelanläufe abgestorben.
4.1.1 Erkennungsmöglichkeiten
· Streifenförmig ausgebliebener Dickenzuwachs (Einwallung),
· großflächiges Wachstumsdefizit in der Form einer breiten Einbuchtung
am Stammfuß,
· fehlende helle Zuwachszonen zwischen den Borkenplatten (abgestorbene
Rinde),
· Ausbildung von quer verlaufenden durchgehenden Rissen auf der Borke,
· gegebenenfalls durchgewachsene Pilzfruchtkörper.
Wegen der Verwechselungsmöglichkeiten
sind verdächtige Einwallungen und Rindenbereiche abzuklopfen (bei Fäulnis
dumpfer Klang, die Rinde kann leicht abgelöst werden). Gegebenenfalls
muß eine Funktionsprüfung mit dem Stechbeitel oder ähnlichem durchgeführt
werden. Manchmal weisen Überwallungswülste, die sich ohne eine äußerlich
erkennbare Schädigung entwickelt haben, auf abgestorbene Rindenpartien
und ausgedehnte Fäulen hin.
Ein weiterer Hinweis
auf eine weit fortgeschrittene Stockfäule ist partieller übermäßiger Dickenzuwachs
seitlich der Einwallungen, erkennbar an dem deutlichen Überwiegen der
hellen Zuwachszonen zwischen den Borkenplatten. Durch den Funktionsverlust
abgetöteter peripherer Stammbereiche muß der Baum die Funktionen des Stammholzes
auf die noch intakten Bereiche konzentrieren. Diese Form des partiellen
Kompensationswachstums kann besonders häufig und ausgeprägt bei stark
ausgefaulten Linden mit weit fortgeschrittenem Befall durch Lackporlinge
oder Brandkrustenpilz, sowie weniger ausgeprägt an anderen Baumarten,
beobachtet werden
4.1.2 Verwechselungsmöglichkeiten
Natürliche Einwallungen kommen an allen Baumarten vor allem in der Altersphase
zwischen den Wurzelanläufen und darüber hinaus vor. Eine klare Unterscheidung
zwischen fäulebedingten und nicht fäulebedingten Einwallungen ist zumindest
auf den ersten Blick nur mit Erfahrung möglich. Im Zweifelsfall kann die
Funktionsprüfung mit dem Stechbeitel oder ähnlichem Klarheit bringen.
Insbesondere an alten Roßkastanien und Rotbuchen können oftmals gedrehte
rippenartig geformte Stämme mit Einwallungen vorkommen. Vor allem alte
Hainbuchen weisen eine deutliche Spannrückigkeit des Stammes auf. Dabei
bleibt das Dickenwachstum des Kambiums streifenweise zurück.
An Eichen können nach
äußerst strengen Frösten streifenförmige Rindennekrosen auftreten. Hinsichtlich
der Verkehrssicherheit unbedeutende Einwallungen mit abgestorbenen Rindenpartien
können unterhalb gekappter Äste vorkommen. Ein dumpfer Klang beim Abklopfen
der Borke ist nicht immer fäulebedingt. Bei Bäumen mit kräftiger Borkenbildung,
wie zum Beispiel Robinien oder Eichen, kann es sich um alte, noch fest
ansitzende Borkenplatten handeln. Bei der Nachprüfung kann darunter die
am intakten Holzkörper fest ansitzende, jüngere Borke festgestellt werden.
4.1.3 Beurteilung
fäulebedingter Einwallungen
Meistens reagieren vitale Bäume auf fortschreitende Stockfäulen mit Kompensationswachstum.
In gleichem Maße wie der Pilz im Stamminnern in funktionsfähige Holzbereiche
vordringen kann, ersetzt sie der Baum wieder durch sein sekundäres Dickenwachstum.
Findet dies in einem Gleichgewicht statt, kommt es im Laufe der Jahre
zu einer allmählichen auffälligen Verbreiterung des Stammfußes. Dann ist
der Baum bei allseitig gutem Zuwachs trotz der fortgeschrittenen Fäule
meistens noch verkehrssicher. Erst wenn der Pilz die Oberhand gewinnt,
nimmt die Gefahr zu. Dann übertreffen die Abbauprozesse den jährlichen
Zuwachs. In dieser Phase sind meistens eindeutige Defektsymptome, wie
fäulebedingte Einwallungen und Pilzfruchtkörper, ausgebildet.
Fehlendes Kompensationswachstum
und fortgeschrittene Stockfäulen sind ein Hinweis auf unsichere Bäume.
Greift eine Stockfäule auf die Rinde der Wurzelanläufe über und tötet
sie ab, ist der betroffene Baum meistens nicht mehr sicher.
4.2 Tiefreichende Höhlungen
Tiefreichende Höhlungen
sind das offenliegende Ergebnis eines umfangreichen Holzabbaues im Baum.
Die Bruchsicherheit des betroffenen Baumteiles ist sichtbar verringert.
4.2.1 Beurteilung
tiefreichender Höhlungen
Allgemein ist bei wüchsigen Bäumen, bei allseitig gutem Zuwachs im Bereich
der Schadstelle (erkennbar an den hellen Zwischenräumen zwischen den Borkenplatten)
und bei kräftiger Wundkallusbildung zunächst Entwarnung gegeben. Am kritischsten
sind tiefreichende Höhlungen am Stammfuß. Allerdings besteht selbst hier
nach eigener Erfahrung bei freistehenden Altbäumen mit ansonsten allseitig
intaktem Stamm mit guten Zuwachsleistungen erst beim Auftreten von Pilzfruchtkörpern
holzabbauender Arten und/oder bei fehlendem Kompensationswachstum Bruchgefahr.
Ein Hinweis auf verkehrssichere
Bäume ist ein durch Kompensationswachstum stark verdickter unterer Stammbereich.
Es kann sich vor allem an Rotbuchen eine regelrechte Wurzelplatte gebildet
haben. Ist keine Verbreiterung des unteren Stammbereiches feststellbar,
ist der Baum oftmals nicht mehr sicher (Verwechslungsmöglichkeit besteht
bei Überfüllung des Standraumes).
Auf eine Bruchgefahr
im Bereich von Höhlungen deuten außer Pilzfruchtkörpern weitere Defektsymptome
beziehungsweise hinweisende Symptome wie fäulebedingte Einwallungen oder
ein abgestorbener oder nur sehr schwach ausgebildeter Wundkallus bei geringer
Zuwachsleistung auf allen Stammseiten hin. Häufig ist dann keine klare
Abgrenzung zwischen abgestorbenen und gesunden Rinden- und Holzbereichen
vorhanden.
4.2.1.1 Restwanddicken
Bei Höhlungen bieten sich im Rahmen von Baumkontrollen verletzungsfreie
Restwanddickeeinschätzungen an. Mit dem Zollstock wird die Tiefe der Höhlung
gemessen und anschließend der Stammdurchmesser im Bereich der Meßstelle
abgeschätzt. Die Differenz ergibt die näherungsweise Restwanddicke. Bei
weitgehender Zerstörung des tragenden Querschnittes kann vor allem bei
unbeschnittenen Bäumen Bruchgefahr bestehen. Eine Berechnung der Bruchsicherheit
nach Rechenformeln ist nicht Bestandteil der biostatischen Baumkontrolle.
Der hohe Aufwand geht über den Rahmen einer Sichtkontrolle hinaus und
es lassen sich damit nur tendenzielle Aussagen zur Bruchsicherheit erzielen.
Der Ausfaulungsgrad
beziehungsweise die Restwanddicke gesunden, tragenden Holzes bis zum Erreichen
der Bruchgrenze ist bei jedem Baum anders. Das Spektrum reicht von Vollholzig
bis zu weniger als 1/30 Restwanddicke. Dies liegt daran, daß Bäume unterschiedliche
Sicherheitsreserven aufweisen. Die Unterschiede können extrem sein. Deshalb
kann es auch bei der Sichtkontrolle erforderlich sein, die Grundsicherheit
des Baumes abzuschätzen, bevor Baumschäden gewichtet werden. Die Sicherheitsreserven
von Bäumen werden unter anderem durch die Wuchsform bestimmt.
4.2.2.2 h/d-Verhältnisse
Im Forst wird die Stabilität von Waldbestandsbäumen näherungsweise mit
dem h/d-Wert abgeschätzt. Dies ist das Verhältnis der Baumhöhe (h) / zum
Stammdurchmesser (d). Je niedriger der Wert, desto höher die Sicherheitsreserven.
Als erstrebenswert gelten für Waldbäume auf stabilen Waldstandorten h/d-Verhältnisse
kleiner als 80. Freistehende Bäume weisen natürlicherweise wesentlich
geringere h/d-Werte und höhere Sicherheitsreserven auf. Ihre h/d-Werte
sind anders zu beurteilen als die von Waldbestandsbäumen.
Der gekappte Naturdenkmalbaum
„Hohle Eiche“ in Bad Homburg v.d.H. zum Beispiel ist rund 16 m hoch bei
einem Stammdurchmesser von rund 2 m, das heißt h/d-Wert = 8, Sicherheitsreserven
sehr hoch. Tatsächlich steht der Baum noch immer bruchsicher mit etwa
1/30 ! Restwanddicke (eigene Messungen verletzungsfrei vom Inneren der
begehbaren Höhlung aus).
Von einem anderen Praxisfall,
der diesen einfachen Zusammenhang aufzeigt, wurde unter anderem vom Verfasser
in STADT UND GRÜN 7/97 berichtet. An einem mehr als 100 Jahre alten Bergahornbaum
erbohrte ein anderer Baumsachverständiger in zwei unterschiedlichen Höhen
Restwanddicken von 10,71 % bzw. 16,43 % des Radius. Die Arbeitsstelle
für Baumstatik maß in einer nachfolgenden Untersuchung mit dem Dilatometerverfahren
als geringsten Bruchsicherheitswert = 3,4-fache Bruchsicherheit, bezogen
auf Windstärke 12 und den Zustand der vollen Belaubung. Der Baum ist 19,80
m hoch, Stammdurchmesser in 1,3 m Höhe = 1,20 m, h/d = 16,5, d.h. hohe
Sicherheitsreserven. Der Baum steht noch heute.
Ein anderes Praxisbeispiel:
Drei gleichaltrige Eschen mit vergleichbarem Pilzbefall durch den Zottigen
Schillerporling im Anfangsstadium wurden meßtechnisch auf Bruchsicherheit
überprüft. Die zwei im Freistand gewachsenen Eschen mit h/d-Werten von
rund 25 waren bruchsicher, die dritte in Konkurrenz zu anderen Nachbarbäumen
schlank und hoch gewachsene Esche mit einem h/d-Wert von rund 35 war nicht
mehr bruchsicher. Die h/d-Werte sind näherungsweise leicht zu ermitteln
und können helfen, die Bruchsicherheitsreserven von Bäumen besser einzuschätzen.
Geringe Werte bedeuten hohe Sicherheitsreserven. Unter anderem danach
ist die Gefährlichkeit von Schadsymptomen zu beurteilen. Am besten schneiden
alte, freistehende Naturdenkmalbäume mit ihren dicken Stämmen ab (nach
eigener Auswertung h/d-Werte zwischen 8 und 20, selten auch darüber).
Wenn sie schon vor allem in der Höhe beschnitten sind, liegt man häufig
selbst bei geringsten Restwanddicken noch im „grünen Bereich“.
Für den Zusammenhang
von Wuchsform und Sicherheitsreserven gilt grundsätzlich: Frei gewachsene
Bäume weisen die höchsten Sicherheitsreserven auf (zumeist h/d-Wert unter
25), in Konkurrenz zu Nachbarbäumen oder Baulichkeiten aufgewachsene Bäume
geringere Sicherheitsreserven (h/d-Werte über 25). Je stärker die Konkurrenzsituation,
desto höher die h/d-Werte und umso geringer die Sicherheitsreserven.
4.2.2.3 Materialeigenschaften
Es ist bekannt, daß sogenannte Weichholzarten eine geringere Bruchfestigkeit
aufweisen als Bäume mit hartem Holz. Die gleiche Querschnittsfläche von
Eschenholz zum Beispiel trägt die doppelte Last wie die von Silberweidenholz.
Die Esche darf also doppelt so stark ausfaulen bevor sie bricht. Beispielhaft
einige Baumarten und ihre Tragfähigkeiten:
Beonders tragfähiges
Holz weisen Esche, Feldahorn, Platane und Stieleiche auf (höchste Tragfähigkeiten
= 100 %).
Etwa 60 bis 70 % davon weisen Bergahorn, Birke, verschiedene Lindenarten,
Robinie, Roßkastanie, Rotbuche, Roteiche und nur etwa 50 % davon Douglasie,
Säulenpappel, Silber- und Trauerweide sowie die Zeder auf. Die Materialeigenschaften
des Holzes sind ebenfalls bedeutsam für die Sicherheitsreserven von Bäumen.
Zum Beispiel ergaben
eigene Bruchsicherheitsmessungen an Stieleichen mit Schwefelporlingsbefall
stets deren Bruchsicherheit, von den gemessenen Silberweiden mit Schwefelporlingsbefall
waren dagegen nur noch rund 9 % sicher. Außer von den Materialeigenschaften
hängt dies natürlich auch von der Effizienz der Abschottung der jeweiligen
Baumart ab.
4.3 V-förmige Vergabelungen
V-förmige Vergabelungen
kommen an allen Baumarten vor, insbesondere bei Laubbäumen und hier vor
allem bei Silberlinden, Rotbuchen, Roßkastanien, Ahornbäumen und Kirschbäumen.
Bei den V-förmigen Vergabelungen von zwei oder mehr gleichberechtigten
Stämmlingen ist meistens Rinde in die Vergabelung eingewachsen, die die
Holzkörper trennt und zu einer statisch schwächeren Verbindung führt.
Diese Erscheinung kann auch bei stärkeren Hauptseitenästen in der Krone
beobachtet werden.
4.3.1 Beurteilung
V-förmiger Vergabelungen
Es lassen sich
je nach Erscheinungsbild vier Gefährdungspotentiale unterscheiden (von
oben nach unten zunehmende Bruchgefahr):
4.3.1.1 Ungefährlich
V-förmige Verzweigung (eventuell mit eingewachsener Rinde). Leistenfreie
V-förmige Vergabelungen sind im Regelfall noch bruchsicher.
4.3.1.2 Unter Umständen
gefährlich
V-förmige Verzweigung mit eingewachsener Rinde und Leistenbildung. Im
Laufe der Jahre bildet sich durch das sekundäre Dickenwachstum der Stämmlinge
gegeneinander eine Leiste an der Nahtstelle. Die Stämmlinge drücken sich
immer stärker auseinander und das Moment aus Eigengewicht x der Auslenkung
wird immer größer. In diesem Stadium kann bereits Bruchgefahr bestehen.
An Standorten mit hohem Gefährdungspotential empfiehlt sich daher der
Einbau einer Gurtsicherung. Dehnungsmessungen und Abbruchversuche an mehreren
V-Zwieseln mit Leistenbildung und eingewachsener Rinde an Roßkastanien
in der Stadt R., zum Teil bis Orkanwindlast, ergaben deren Bruchsicherheit.
Wenn eine V-förmige Vergabelung bereits eingerissen ist, besteht auf jeden
Fall Bruchgefahr.
4.3.1.3 Gefährlich
V-förmige Verzweigung mit eingewachsener Rinde und Leistenbildung sowie
Wassertasche.
Als Folge des immer stärkeren Gegeneinanderwachsens der Stämmlinge
auf immer größerer Breite entsteht auf den Innenseiten ein Versorgungsschatten
mit der Folge einer Einbuchtung. Dies führt im Laufe der Jahre zum Entstehen
einer Wassertasche. Der Verfasser empfiehlt spätestens in diesem Stadium
den Einbau von Gurtsicherungen oder notfalls Rückschnitte. Der Versorgungsschatten
wird mit dem weiteren Wachstum der Stämmlinge immer breiter und die Anbindung
der Stämmlinge untereinander immer schwächer. An ausgebrochenen V-Zwieseln
kann oftmals ein kegelförmiger Aufbau der Wassertaschen beobachtet werden.
4.3.1.4 Gefahr im
Verzug
Eine weitere Steigerung ergibt sich, wenn der Holzkörper im Bereich der
Nahtstelle bereits eingerissen ist und/oder wenn Pilzfruchtkörper und/oder
tiefreichende Höhlungen im Bereich der Gabelung ausgebildet sind. Bei
diesem Schadbild ist meistens Gefahr im Verzug und unmittelbarer Handlungsbedarf
gegeben. Bei bereits gekappten Bäumen ist das Gefahrenpotential durch
die verringerte Windlast vermindert. U-förmige Vegabelungen gleichberechtigter
Stämmlinge sind nicht ausbruchgefährdet.
4.4 Angebrochene Äste oder Stämme
4.4.1 Angebrochene
Äste
Gar nicht so selten kann man in Baumkronen angebrochene Äste feststellen.
Angebrochene Äste sind auf den ersten Blick außer an möglichen Laubverfärbungen
an der abweichenden Aststellung erkennbar. Bei genauerem Hinschauen (Fernglas
!) läßt sich dann die Bruchstelle erkennen. Solche Äste sind zu kappen
beziehungsweise zu beseitigen.
Ein hinweisendes Symptom:
Manchmal wachsen untere Äste am Baum aus dem ansonsten weitgehend geschlossenen
Kronenbild heraus. Es hat sich eine konkurrierende Teilkrone entwickelt,
weil die Dominanz der Oberkrone nicht ausreichte. Häufig zweigen diese
überlastigen Starkäste zunächst waagerecht vom Stamm ab, krümmen sich
anschließend stark nach oben und wachsen relativ steil nach oben. Bei
diesen Ästen ist vor allem im Bereich der Krümmung auf Rißbildungen als
Hinweis auf einen Astanbruch zu achten. Wird dort ein durch den Holzkörper
durchgehender Längsriß festgestellt, besteht Bruchgefahr. Bei Leistenbildungen
kann es sich um alte, bereits wieder verheilte Risse handeln. Wenn möglich,
ist eine angebrochene konkurrierende Teilkrone mit einem Gurtsicherungssystem
zu sichern. Der angebrochene Starkast sollte zugleich insbesondere in
der Höhe eingekürzt werden. Durch die verringerte Windlast wird die Bruchgefahr
verkleinert und die Ausweitung des Risses vermieden. Außerdem wird das
weitere Bestreben des Astes zur Bildung einer Teilkrone unterdrückt. Die
beschriebene Ausbildung konkurrierender Teilkronen alleine, d.h. ohne
Rißbildung, ist kein eindeutiges Schadsymptom. Bruchversagen kommt nur
selten vor.
4.4.2 Angebrochene
Stämme
Bei schlanken und hohen Bestandsbäumen in Parkanlagen (hohe h/d-Werte)
sowie an schiefstehenden Bäumen ist vor allem im Bereich zwischen den
Wurzelanläufen und darüber auf Rißbildungen, meist auf mehreren Stammseiten,
die bis tief in den Holzkörper reichen, zu achten. Diese sind ein Hinweis
auf angebrochene Baumstämme. Die Krone angebrochener Bäume kann sich auf
Nachbarbäume stützen. Bäume mit angebrochenen Baumstämmen sind zu beseitigen.
Vorsicht: Verwechselungsmöglichkeit mit sogenannten Frostrissen, die meistens
hinsichtlich der Bruchsicherheit ohne Bedeutung sind.
4.5 Verlassene Spechthöhlen
Spechthöhlen können
vor allem an Bäumen in Parkanlagen an stärkeren Ästen oder am Stamm festgestellt
werden. An Straßenbäumen abseits von größeren Baumbeständen sind sie eine
Ausnahmeerscheinung. Das Zimmern von Nisthöhlen ist bei den Spechten eine
alljährlich wiederkehrende Triebhandlung. Zunächst treiben sie an vielen
Bäumen kleine Einschläge in die Stämme. Diese Miniaturhöhlen (Spielnester
als Teil des Balzrituales) sind von der Bruthöhle zu unterscheiden. Manchmal
werden die Bruthöhlen von allen Spechtarten, mit Ausnahme des Grünspechtes,
in kerngesunden Bäumen gezimmert. Meistens sind sie im urbanen Bereich
jedoch in Bereichen weicheren Holzes, das heißt im Bereich von Faulstellen,
zum Beispiel unterhalb alter Starkastkappungen, angelegt.
Der häufigste Specht
und regelrechter Kulturfolger ist der Buntspecht. Buntspechtwohnungen
haben einen radialen Durchmesser von 15 bis 17 Zentimetern und eine axiale
Länge bis zu 30 Zentimeter. Das Flugloch mißt 4-5 cm im Durchmesser und
ist fast kreisrund.
Wesentlich seltener
ist der Grünspecht, dessen Bruthöhle einen radialen Durchmesser von 20
bis 25 cm bei einer axialen Länge von etwa 40 bis 50 cm hat. Das Flugloch
mißt 8 cm und ist oval. Selbstgezimmerte Bruthöhlen werden immer in ausgefaulten
Baumstämmen angelegt.
Die Höhle des seltenen
Grauspechtes ist etwas kleiner als die des Grünspechtes, auch in gesundem
Holz.
Die kleinste Bruthöhle
benötigt der seltene Kleinspecht, die er vor allem in Weichhölzern angelegt.
Andere Spechtarten kommen nur innerhalb größerer Waldgebiete vor.
4.5.1 Beurteilung
von Spechthöhlen
Die Gefährlichkeit von Spechthöhlen in Bäumen wird häufig überschätzt.
Spechtlöcher, die als Teil des Balzrituales angelegt werden, sehen vom
Boden aus betrachtet wie eine Spechthöhle aus. Sie reichen jedoch nicht
tief und werden sowohl in gesundem als auch faulem Holz angelegt. Überhaupt
sind Spechthölen kein sicheres Indiz auf ausgedehnte Stammfäulen, da die
Bruthöhlen mitunter auch in gesundem Stammholz angelegt werden. In der
Regel hat es der Baumkontrolleur mit Buntspechthöhlen zu tun, die im Schnitt
nur 16 cm Durchmesser aufweisen. Neu angelegte und bewohnte Spechthöhlen
alleine sind daher nicht gleichzusetzen mit Bruchgefahr. Dem Verfasser
ist kein Fall bekannt, bei dem eine von Spechten bewohnte Bruthöhle bruchauslösend
war. Die „Zimmerleute des Waldes“ haben offenbar das richtige Gespür für
Baumstatik.
Anders verhält es sich,
wenn die Höhlen bereits viele Jahre alt und nicht mehr von Spechten bewohnt
sind. Ausgehend von den Höhlungen kann sich im Laufe der Jahre eine umfangreiche
Fäule entwickeln (hier gilt das gleiche wie unter dem Kapitel „tiefreichende
Höhlungen“ aufgeführt). Die Bruchsicherheit von Spechthöhlen ist im Rahmen
der Durchführung von Baumkontrollen deshalb so schwierig zu beurteilen,
da sie sich meistens hoch oben in den Baumkronen befinden. Bei regelmäßig
durchgeführten Baumkontrollen kann das Alter von Spechthöhlen bestimmt
werden.
Einen weiteren Hinweis
auf fortgeschrittene Holzzersetzung können Bienen-, Wespen- oder Hornissenstaaten
geben, die die Höhlen bewohnen. Dann kann Bruchgefahr bestehen und eine
weitergehende Untersuchung oder präventive Maßnahmen, wie der Einbau von
Gurtsicherungssystemen, sind erforderlich. Bruchsicherheitsmessungen an
einer in Konkurrenz zu Nachbarbäumen schlank und hoch gewachsenen Eiche
ergaben im Bereich einer alten, verlassenen Spechthöhle Bruchgefahr.
4.6 Totäste
in der Krone
Je nach der Länge des
Totastes, seiner Dicke, der Fallhöhe und dem Gefährdungspotential sind
Totäste zu beseitigen, da sie bekanntermaßen bruchgefährdet sind. Astdurchmesser
bis zu etwa 3 cm an der Basis können in der Regel in der Krone belassen
werden, bei geringem Gefährdungspotential und/oder geringer Fallhöhe auch
dickere Äste. Im Winter können Totäste an der verringerten Feinastigkeit,
den fehlenden Knospenanlagen sowie gegebenenfalls an der abblätternden
Rinde erkannt werden. Die Ausbildung von Totästen hat verschiedene Ursachen.
Totäste im unteren Kronenbereich oder im Kronenkern sind durch Lichtmangel
bedingt, während Totäste im oberen Kronenbereich und in der Kronenperipherie
ein Anzeichen einer nachlassenden Vitalität sind. Frisch abgebrochene
Äste, die in der Krone liegengeblieben sind, können an der Verfärbung
des Laubes beziehungsweise der abnormalen Aststellung erkannt werden.
4.7 Stammnahe, konzentrisch verlaufende und aufklaffende Bodenrisse
Dieses seltene Schadbild
kann nach Starkwindereignissen vor allem auf vernäßten, bindigen Böden
beobachtet werden. Außer dem Rißbild geben die Bewegungen des Wurzeltellers
und der Risse unter Windeinfluß Hinweise auf den Schaden. Die gelockerten
Bäume können einen leichten Schiefstand aufweisen. Dann ist stets Gefahr
im Verzug.
Verwechslungsgefahr:
Schwundrisse auf bindigen Böden bei Austrocknung, Anhebungen von Wegebelägen
oder verdichteten Böden durch sekundäres Dickenwachstum der Wurzeln.
5 Hinweisende Symptome / Anzeichen und ihre Bedeutung für die Baumstatik
Verschiedene Symptome/Anzeichen
am Baum sowie im Baumumfeld können auf das mögliche Vorhandensein eindeutiger
Schadsymptome und statikrelevante Schäden hinweisen. Solche hinweisenden
Symptome/Anzeichen sollten daher den Baumprüfer veranlassen, besonders
sorgfältig zu untersuchen. Keinesfalls darf der Trugschluß entstehen,
daß die nachfolgend aufgeführten hinweisenden Symptome/Anzeichen eindeutige
Hinweise auf statikrelevante Schäden sind. Meistens weisen Bäume mit hinweisenden
Symptomen/Anzeichen keine eindeutigen Schadsymptome auf und sind verkehrssicher.
Auf die seltenen Ausnahmen wird im Text hingewiesen.
5.1 Baulichkeiten
Es ist banal, diesen
Punkt als hinweisendes Anzeichen für Baumkontrollen an Altbäumen im städtischen
Bereich aufzuführen. Jeder Straßenbaum ist davon betroffen. Der Vollständigkeit
halber wird darauf hingewiesen, daß Leitungstrassen (erkennbar an Schachtdeckeln),
Wegebeläge, Bordsteine, Mauern etc. Hinweise auf zurückliegende und bedeutsame
Wurzelschäden sein können. In der Regel haben die Bäume dies -falls überhaupt
bedeutsame Eingriffe in die Baumsubstanz erfolgt sind- hinsichtlich der
Baumstatik verkraftet. Sie sind verkehrssicher.
5.2 Schiefstand / Bodenaufwölbung
Ist keine Ursache für
den Schiefstand erkennbar (benachbarte Gebäude, Bäume etc.), kann Kippgefahr
vorliegen. Dann ist zunächst die Krone zu betrachten. Ist der obere Kronenbereich
einschließlich des Leittriebes ebenfalls schiefstehend, ist von einem
gelockerten Baum und Kippgefahr auszugehen. Der Verdacht kann erhärtet
werden, wenn der schrägstehende Stamm kein Reaktionsholz ausgebildet hat
(Messung der Ovalisierung mit Zollstock oder im Rahmen einer Nachuntersuchung
mit Kluppe).
Hat sich der Stamm
beziehungsweise der obere Kronenbereich mit dem Leittrieb nach anfänglich
schrägem Wachstum wieder aufgerichtet, kann zunächst Entwarnung gegeben
werden. Bodenaufwölbungen an schiefstehenden Bäumen vor allem auf unversiegelten
Standorten können ebenfalls ein Hinweis auf einen gelockerten Wurzelteller
sein. Der Verfasser hat sowohl sichere als auch unsichere schiefstehende
Bäume, jeweils zum Teil mit starken Bodenaufwölbungen, gemessen.
In einem Praxisfall
hatte ein Baumkontrolleur eine statikrelevante Bodenaufwölbung mit Hilfe
eines Eisenstabes erkannt. In dem Hohlraum unter der Anhebung war kein
Widerstand feststellbar. Da der Baum bereits vor der Lockerung schief
gestanden hatte, war der Stamm ovalisiert. Schiefstehende Bäume mit der
Ausbildung eindeutiger Schadsymptome sind besonders kritisch zu bewerten.
Bei Bodenvernässung auf bindigen Böden ansonsten trockener Standorte kann
es in seltenen Fällen zum Kippversagen schiefstehender Bäume kommen. Dies
ist nicht vorhersehbar.
5.3 Adventivwurzeln
Adventivwurzeln werden
als Ersatz für den Verlust von Wurzeln, zum Beispiel nach Abgrabungen,
gebildet. Das Freilegen von Baumwurzeln ist nicht Bestandteil von Baumkontrollen.
Auf offenen Böden sind jedoch manchmal oberflächennah Wurzeln durch abfließendes
Regenwasser freigespült. Das gehäufte Auftreten von Adventivwurzeln am
Stammfuß nahe der Bodenoberfläche kann ein Hinweis auf starke Bodenverdichtung
oder mögliche Verluste statikrelevanter Wurzeln und fortgeschrittene Fäulen
sein. Die nachträglich gebildeten Adventivwurzeln können an dem auffälligen
stammnahen Wurzelgeflecht, der helleren Rinde und den geringeren Wurzeldicken
im Vergleich zu den ursprünglichen Wurzeln erkannt werden. Außerdem besteht
kein fließender Übergang zwischen Wurzeln und Stamm. An eingefüllten Bäumen
können sich am Stamm Adventivwurzeln entwickeln. Adventivwurzeln können
sich auch in Höhlungen und in den Wassertaschen von V-Zwieseln bilden.
5.4 Stock- / Stammaustriebe
Diese können natürlicherweise
an vielen Laubbaumarten, vor allem an Linden oder Ulmen, vorkommen. Bei
nachlassender Vitalität, wenn die oberen Kronenbereiche nicht mehr ausreichend
versorgt werden können, bilden viele Baumarten ebenfalls Stock- / Stammaustriebe
aus. Auch wenn Vitalität und Verkehrssicherheit differenziert betrachtet
werden müssen (siehe nachfolgenden Text unter „absterbende obere/ periphere
Kronenteile...“) sind Stock- / Stammaustriebe ein Hinweis zur besonders
gründlichen visuellen Untersuchung auf die Ausbildung eindeutiger Schadsymptome.
5.5 Stammfußverdickung
Bei den meisten Bäumen
ist der Stammfuß natürlicherweise im Bereich der Wurzelanläufe verdickt.
Eine außergewöhnliche Verdickung kann ein Hinweis auf fäulebedingtes Kompensationswachstum
des Baumes sein. Solange keine eindeutigen Schadsymptome festgestellt
werden, sind Stammfußverdickungen hinsichtlich der Verkehrssicherheit
ohne Bedeutung. In Wäldern kann ein Befall mit dem Wurzelschwamm (Heterobasidion
annosum) bei Fichten zu einer flaschenartigen Anschwellung der Stammbasis
führen. Im urbanen Bereich hat der Verfasser das Vorkommen dieses Pilzes
bislang nicht feststellen können. Dies deckt sich auch mit den Veröffentlichungen
anderer Autoren.
Verwechselungsmöglichkeiten:
Auf flachgründigen Standorten mit geringer Eindringtiefe für die Wurzeln
können Bäume eine starke Verbreiterung des Stammfußes aufweisen. Dies
ist nicht fäulebedingt. Bei Bäumen mit (Fuß-)Veredlung kann der untere
Stammbereich durch eine wüchsigere Unterlage verdickt sein. Die alte Veredlungsstelle
kann noch als ringförmiger Einschnitt in der Rinde erkennbar sein. Der
umgekehrte Fall, eine Verjüngung des unteren Stammbereiches, ist ebenfalls
ein Hinweis auf eine Veredlungsstelle.
5.6 Veredlungsstellen
Siehe unter „Stammfußverdickung“.
Selten kann es vorkommen, daß Altbäume mit schlecht verwachsenen Veredlungsstellen
brechen. Diese Form des strukturell bedingten Baumversagens ist für den
Baumkontrolleur nicht vorherzusehen, es sei denn, ein eindeutiges Schadsymptom
wie ein tief in den Holzkörper reichender Riss ist im Bereich der Veredlungsstelle
ausgebildet.
5.7 Ameisennester im Stamm / Holzmehl
Das massenweise Auftreten
von Ameisen am Stammfuß und Stamm deutet auf das Vorhandensein von Nestern
im Holzkörper des Baumes hin. Meistens werden die Nester in geschädigtem
Holz angelegt. Das Vorhandensein von Holzmehl ist ein weiterer Hinweis
auf die Bautätigkeit der Insekten im Stamm und vorhandene Stammschäden.
Holzmehl, meistens unterhalb von Bohrlöchern, kann auch auf die Tätigkeit
anderer holzbewohnender Insekten und Holzschäden hinweisen.
5.8 Nässende Schäden / Ausfluß / Harzfluß
An Laubbäumen, besonders
häufig an Roßkastanien, kann in Verbindung mit Verletzungen ein Ausfluß,
an Nadelbäumen außerdem Harzaustritt, festgestellt werden. Es können verdeckte
Risse / Fäulen vorliegen. Besonders beim Vorkommen an der Nahtstelle unterhalb
von V-Zwieseln und an intakt erscheinenden Stämmen ohne sichtbare Holzschäden
ist Vorsicht geboten (Hinweis auf verdeckte Risse). Ansonsten ist Ausfluß
und Harzfluß meistens eine hinsichtlich der Bruchsicherheit unbedeutende
Begleiterscheinung von offen liegenden Baumwunden. Dennoch ist eine besonders
gründliche Untersuchung auf die Ausbildung eindeutiger Schadsymptome erforderlich.
Bei Rotbuche, Roßkastanie
und Linde kann punktuell austretende Flüssigkeit, die auf der Rinde als
etwa 1 bis 2 cm große schwärzliche Flecken erkennbar ist, ein Hinweis
auf einen Befall durch den Brandkrustenpilz sein (Verwechslungsmöglichkeit
bei Buche und Kastanie: Schleimflußkrankheit). Beim Auftreten solcher
Symptome ist der Stammfuß insbesondere zwischen den Wurzelanläufen auf
das Vorhandensein von Pilzfruchtkörpern zu prüfen.
Häufig siedeln sich
Bakterien auf dem verletzungsbedingten Ausfluß von Laubbäumen an. In der
Folge können sich krustige, meist hell gefärbte Überzüge bilden. Dies
ist eine für den Baum und die Baumsicherheit ungefährliche Begleiterscheinung.
Eine Verwechslungsmöglichkeit mit verletzungsbedingten Ausfluß sind feuchte
und dunkel gefärbte Rindenpartien durch am Stamm herablaufendes Regenwasser.
5.9 Partielles übermäßiges Kompensationswachstum
Siehe Kap. 4.1.1.
5.10 Abgestorbener oder nur schwach ausgebildeter Wundkallus
Ist im Bereich großer
Schadstellen, insbesondere am Stammfuß, ein abgestorbener oder nur sehr
schwach ausgebildeter Wundkallus ausgebildet, ist manchmal keine klare
Abgrenzung zwischen abgestorbenen und gesunden Rinden- und Holzbereichen
vorhanden. Dies geht meistens mit fehlendem Kompensationswachstum einher.
Dann kann Kipp- / Bruchgefahr bestehen.
5.11 Eingebaute Gewindestangen / alte Plomben
Im Bereich von Zwieseln
sowie in Höhlungen sind manchmal Stahlgewindestangen mit der Absicht der
Stabilisierung eingebaut. Beim Vorhandensein in Höhlungen ist von besonders
ausgedehnten Fäulen auszugehen. Dies hat folgende Ursachen: Zum einen
werden Verbolzungen seit Ende etwa 10 bis 15 Jahren kaum noch verwendet,
da damals ihre Wirkungslosigkeit in Stammhöhlungen nachgewiesen wurde.
Es handelt sich also um alte Schäden.
Zum anderen wurden damals noch begleitende baumchirurgische Maßnahmen
durchgeführt. Vor allem Stammhöhlungen wurden bis in das gesunde Holz
ausgefräßt. Die damit verbundene Zerstörung der baumeigenen Schutzholzzonen
führte zusammen mit den Durchbohrungen zu einer Schwächung der Bäume und
Förderung des Pilzwachstumes. Bäume mit Höhlungen und Stammverbolzungen
sind besonders sorgfältig auf die Ausbildung eindeutiger Schadsymptome
zu überprüfen.
V-Zwiesel mit eingebauten
Verbolzungen sind zusätzlich mit Gurtsicherungen zu sichern, da die Stahlgewindestangen
im Stammkopf meistens weitgehend wirkungslos sind. Von den Durchbohrungen
ausgehend hat sich eine mehr oder weniger umfangreiche Fäule entwickelt,
die die Verbindung der V-Zwiesel zusätzlich schwächt. Sind außerdem alte
Kronenverankerungen vorhanden, sollten diese nicht ausgebaut werden. Wenn
möglich, sind zusätzlich Gurtsicherungen einzubauen.
Genauso wie Verbolzungen
sind Stein- oder Betonplomben in Öffnungen des Holzkörpers ein Hinweis
auf alte Stammausfaulungen und länger zurückliegende umfangreiche baumchirurgische
Maßnahmen. Bäume mit Plomben sind ebenfalls besonders sorgfältig auf die
Ausbildung eindeutiger Schadsymptome zu überprüfen.
5.12 Anfahrschäden / oberflächliche Wunden am Holzkörper
Anfahrschäden werden
ebenso wie andere oberflächliche Verletzungen des Holzkörpers effektiv
abgeschottet, da nur die äußeren reaktionsfähigen Jahrringe von der Verletzung
betroffen sind (dies gilt nicht für Astungswunden). Häufig versperrt auch
noch viele Jahre nach der Verletzung ein fester, toter Holzkörper den
Einblick in die Wunde. Hinsichtlich der Verkehrssicherheitsbeurteilung
gilt das gleiche wie unter 4.1.3 und 4.2.1 ausgeführt. Insbesondere alte
Verletzungen am Stammfuß sind genau zu untersuchen.
5.13 Wundleisten / Frostrisse
Verschiedene Ursachen
führen zur Ausbildung von auffälligen Rippen am Stamm: Radialrisse können
im Faserverlauf der Bäume mehrere Meter lang sein und gehen von alten
Kambiumverletzungen oder zentralen Stammfäulen aus. Erreichen sie nach
Jahren den Rindenmantel, setzen Überwallungvorgänge ein und es entsteht
eine Wundleiste. Nach eigener Erfahrund sind Wundleisten hinsichtlich
der Bruchsicherheit ohne Bedeutung, wenn sie verheilt sind. Bislang bestand
nur in einem Fall an jährlich immer wieder unter Frosteinwirkung aufgeplatzten
und gehäuft auftretenden alten Wundleisten an Roßkastanien Bruchgefahr.
Weitere Ursachen der
Rippenbildung an Bäumen sind Ringrisse, auch Ringschäle genannt, sowie
Narben als Folge zurückliegender überwallter Kambiumschäden. Manchmal
können Wundleisten am Stamm -wie bereits erwähnt- durch eine weit fortgeschrittene
Holzzersetzung im Bauminnern bedingt sein. Dann kann Bruchgefahr bestehen.
Wundleisten an konkurrierenden Teilkronen im Bereich der Astkrümmung nach
oben sind ein Hinweis auf angebrochene Äste. Wundleisten an den Stämmlingen
vor allem von Roßkastanien unterhalb alter Kappungen deuten auf eine weit
fortgeschrittene Fäule hin. In solchen Fällen kann Bruchgefahr bestehen.
5.14 Konkurrierende Teilkronen / Überlastige
Äste Siehe unter 4.4.1.
Überlastige Äste wachsen aus dem weitgehend geschlossenen Kronenbild heraus.
Außer auf Risse im Astverlauf ist auf Leistenbildungen und auf die Stabilität
der Astanbindung zu achten. Bei hohem Gefährdungspotential zum Beispiel
auf belebten Plätzen empfiehlt sich manchmal der präventive Einbau von
Gurtsicherungen.
5.15 Wespen- / Bienen- oder Hornissennester
Diese werden in alten
Spechthöhlen und anderen Höhlungen angelegt und sind ein Hinweis auf fortgeschrittene
Holzzersetzung. Häufig werden Höhlungen hoch oben in der Krone erst durch
die rege Flugtätigkeit der Insekten bis in den Herbst hinein erkannt.
Vor allem an schlank und hoch gewachsenen Bestandsbäumen kann dann Bruchgefahr
bestehen.
5.16 Ständer oder Reiterationstriebe
Sie stellen eine der
größten Herausförderungen für den verantwortungsbewußten Baumkontrolleur
dar und werden an Kappungsstellen hoch oben in der Krone ausgebildet.
Nach Kappungen bilden sich aus schlafenden Augen neue Triebe zum Ausgleich
des Verlustes der verloren gegangenen Baumteile. Auf der einen Seite werden
die Neuaustriebe (Ständer) immer länger und schwerer. Auf der anderen
Seite faulen die gekappten Stämmlinge, an denen die Ständer ansitzen,
immer weiter aus.
Einige Erfahrungswerte
zur Bruchsicherheit: Die ersten Ständer weichholziger Baumarten, wie Weiden,
Pappeln und Birken, brachen etwa 5-7 Jahre nach der Kappung aus. Bei Roßkastanien,
Linden und Platanen bestand Bruchgefahr oftmals erst 15-20 Jahre nach
der Kappung, bei vitalen Bäumen auch erst nach 20-30 Jahren oder später.
Es waren sowohl Ständer ausbruchgefährdet als auch stark ausgefaulte Stämmlinge
mit ausgeprägten Wundleistenbildungen. Die genannten Baumarten sowie andere
bilden einen kräftigen Wundkallus an der Kappungsstelle aus, der die Ständer
untereinander verbindet. Eine kräftige Wundkallusbildung an den Insertionsstellen
(Ansatzstellen) der Ständer an den Kappungsstellen der Stämmlinge kann
mit dem Fernglas vom Boden aus erkannt werden. Es ist ein Hinweis auf
sichere Ständer.
Ist keine kräftige
Wundkallusbildung feststellbar oder werden Pilzfruchtkörper oder ungünstige,
zum Beispiel V-förmige Anbindungen festgestellt, kann auch schon früher
Bruchgefahr bestehen. An alten Kappungen sind deshalb im Zweifelsfall
weitergehende visuelle Untersuchungen, zum Beispiel mit Hilfe einer Leiter
oder eines Hubsteigers, erforderlich. Ein meßtechnisch begleiteter Ausbruchversuch
an einem etwa 13 m hohen Ständer einer gekappten Roßkastanie mit kräftiger
Wundkallusbildung an der Insertionsstelle ergab hochgradige Bruchsicherheit.
Der Primärbruch erfolgte bei einer Belastung von fünf Tonnen an dem dicksten
Überwallungswulst.
Eine durch Bombentreffer
im zweiten Weltkrieg gekappte Linde wies ausgeprägte Ständerbildungen
auf und war trotz schwerer Ausfaulungen bei der Untersuchung 1999 noch
immer bruchsicher. Werden die eingefaulten Kappungsstellen durch die Wundkallusbildung
verschlossen, kann der Fäulefortschritt -sofern keine anderen Öffnungen
bestehen- stark eingedämmt werden. Die Zunahme der Bruchsicherheit durch
Zuwachsprozesse des Baumes kann dann die Abnahme durch den Fäulefortschritt
übertreffen. Näher kann im Rahmen dieses Aufsatzes auf das komplexe Thema
nicht eingegangen werden. Keinesfalls dürfen Baumkappungen verharmlost
werden.
5.17 Absterbende obere / periphere Kronenteile und Blattverkleinerungen
Siehe auch Kap. 4.6.
Häufig wird ein Nachlassen der Vitalität mit einer Beeinträchtigung der
Verkehrssicherheit gleichgesetzt. Versorgungsengpässe, die sich in der
Krone äußern, sind zumeist hinsichtlich der Verkehrssicherheit ohne Bedeutung.
Es kann sich um Salzschäden, Gasschäden, Bodenverdichtungen, Wassermangel
usw. handeln. Viele statikrelevante Fäulen beschränken sich vor allem
auf die im Boden verborgenen Wurzeln, den Wurzelstock und eng begrenzte
Splintholzbereiche zwischen den Wurzelanläufen und / oder auf das Stamminnere.
Für eine ausreichende Versorgung der Krone genügen nur wenige der jüngeren
Jahrringe beziehungsweise adventiv gebildete Wurzeln. Das baumstatische
Defizit äußert sich nicht in der Krone.
Vitalität und Verkehrssicherheit
müssen zunächst differenziert betrachtet werden. Zumeist führt erst in
der Endphase einer statikrelevanten Ausfaulung der Fäulefortschritt zu
Versorgungsmängeln in der Krone. Bevor es soweit kommt, kann der Schaden
meistens an eindeutigen Schadsymptomen im Bereich des Stammfußes vor allem
zwischen den Wurzelanläufen erkannt werden. Dennoch kann ein Zusammenhang
zwischen mangelnder Verkehrssicherheit und nachlassender Vitalität bestehen.
Starkwurzelkappungen führen außer zu dem sofortigen Verlust an wasser-
/ nährsalzeaufnehmenden Organen und dem Verlust an eingelagerten Reservestoffen
in der Folge zu einer Holzzersetzung.
Die Wirksamkeit der
Abwehrmechanismen des Baumes gegen die fortschreitende Fäulnis hängt unter
anderem von dessen Gesundheitszustand ab. Bei nachlassender Vitalität
ist der Fäulefortschitt besonders stark, ein eventuelles Kompensationswachstum
nur gering. War die Fäule bereits weit fortgeschritten, kann sie bei andauernder
Schwächung der Baumgesundheit innerhalb weniger Jahre verkehrsgefährdende
Ausmaße annehmen. Deshalb sind geschwächte Bäume besonders gründlich auf
die Ausbildung eindeutiger Schadsymptome zu untersuchen.
5.18 Kronensicherungen / alte Kronenanker
An den Befestigungsstellen
alter Kronenanker sind manchmal als Hinweis auf eine ausgedehnte Fäule
Pilzfruchtkörper ausgebildet. Dann besteht Bruchgefahr. Jahre nach dem
Einbau sind die Stahlseile korrodiert und die Bruchfestigkeit verringert.
Im Falle eines Stämmlingsausbruches versagen die auf längere Sicht zu
dünn bemessenen Stahlseile oftmals. Das gleiche gilt allerdings auch für
Kronensicherungen mit Gurten oder Hohltauen. Selbst namhafte Produkte
versagten schon im Falle von Stämmlingsausbrüchen.
Kronensicherungssysteme
unterliegen ebenfalls der Materialalterung und abnehmenden Bruchfestigkeiten.
Insbesondere bei großen Seillängen kann sich bei Systemen mit hoher Dehnung
eine große Fallenergie aufbauen und zum Seilbruch führen.
Viele alte Kronenverankerungen
weisen gestraffte Stahlseile auf. Der Einbau von Kronenverankerungen erfolgte
vor allem bis Anfang 1990. Durch das zwischenzeitlich erfolgte Längenwachstum
hat sich das Eigengewichtskraftmoment der Stämmlinge erhöht und sie haben
sich regelrecht in die starren Stahlseile gehängt. Bei eigenen Versuchen
an Silberlinden waren Zugkräfte von 800 kg erforderlich, um die Stahlseile
zu entlasten. In solchen Fällen besteht bei fortschreitender Korrosion
und weiter zunehmender Belastung die Gefahr des Seilbruches mit der Folge
des Auseinanderbrechens der Stämmlinge. Außerdem sind die alten Kronenanker
wegen des andauernden Höhenwachstums nicht mehr in der optimalen Einbauhöhe
von 2/3 über dem Scheitelpunkt. In solchen Fällen ist der zusätzliche
Einbau von Kronensicherungen mit Gurten erforderlich. Die Kronenanker
sollten nicht ausgebaut werden.
5.19 Freigestellte Bestandsbäume
Wird ein Bestandsbaum
freigestellt, das heißt ein in starker Konkurrenz schlank und hoch gewachsener
Baum mit hohen h/d-Werten, besteht meistens Kippgefahr. Typisch für Bestandsbäume
ist der sehr hohe Kronenansatz (nicht zu verwechseln mit Aufastungen)
und die schlanke, umgekehrt eiförmige Krone. Bäume, die ihre Krone relativ
frei von Konkurrenz entfalten konnten (niedrige h/d-Werte), sind auch
nach Freistellungen noch verkehrssicher.
5.20 Anhebungen von Wegebelägen, Risse in Mauern etc.
Diese werden häufig
als Anzeichen für eine Lockerung des Wurzelwerkes nach Starkwindereignissen
gesehen. Tatsächlich handelt es sich regelmäßig um Hinweise auf das sekundäre
Dickenwachstum intakter Wurzeln. Es ist ein Anzeichen für standsichere
Bäume (auf Stolpergefahr ab zwei Zentimetern Höhe Überstand achten).
6 Fazit
Die biostatische Baumkontrolle
unterscheidet Symptome am Baum und Anzeichen im Baumumfeld hinsichtlich
ihrer Bedeutung für die Stand- und Bruchsicherheit. Damit wird der Blick
des Baumprüfers im „Massengeschäft“ Baumkontrolle auf das Wesentliche
gerichtet. Vorhersehbares Baumversagen geht immer mit einem der acht beschriebenen
eindeutigen Schadsymptome einher, die in unmittelbarem Zusammenhang mit
einem verkehrsgefährdenden Defekt stehen. Sie dürfen nicht automatisch
gleichgesetzt werden mit Kipp-/Bruchgefahr, sind jedoch klare Gefahrenzeichen.
Die Gefährlichkeit
einiger Schadsymptome kann anhand von verschiedenen Ausprägungen der Baumgestalt
genauer bestimmt werden. Dazu müssen die Sicherheitsreserven des Baumes
eingeschätzt sowie seine Reaktion auf den Holzabbau festgestellt werden.
Die Grundsicherheit wird von den h/d-Werten, baumartspezifischen Materialeigenschaften
und anderem bestimmt. Die Reaktion des Baumes auf fortschreitenden Holzabbau
kann am Umfang des Kompensationswachstums, der Fähigkeit zur Abgrenzung
von intakten und abgetöteten Rinden- und Holzbereichen und anderem erkannt
werden.
Desweiteren können
zahlreiche hinweisende Symptome / Anzeichen auf ein mögliches Baumproblem
hinweisen. Sie sind jedoch in der Regel hinsichtlich der Stand- und Bruchsicherheit
ohne Bedeutung. Auf die seltenen Ausnahmen wurde im Text hingewiesen.
Baumversagen ist nicht immer vorhersehbar, wie eingangs erwähnt. Es können
sowohl intakte Bäume versagen als auch Bäume mit Vorschäden, die bei der
Sichtkontrolle nicht feststellbar waren.
Die biostatische Baumkontrolle
ist seit langem praxiserprobt und beruht vor allem auf den Erkenntnissen
aus statikintegrierten Zugversuchen der Arbeitsstelle für Baumstatik seit
1984 sowie Schadensfällen, die für Gerichte, Versicherungen oder Städte
untersucht wurden. Bei mehrjährigen Baumkontrollen des Verfassers beträgt
die Anzahl der Problembäume im Schnitt pro Jahr nur 0,1 %. Weitergehende
meßtechnische Untersuchungen sowie Kronenrückschnitte und Fällungen sind
nur in geringer Zahl erforderlich. Schadensfälle traten bislang nicht
auf.
Mit der in diesem Aufsatz
vorgestellten biostatischen Baumkontrolle wurde vom Verfasser ein Handlungskonzept
für die visuelle Überprüfung des Altbaumbestandes hinsichtlich der Stand-
und Bruchsicherheit in der kommunalen Praxis erarbeitet. Weitergehende
Kentnisse, wie das Erkennen der Notwendigkeit zur Durchführung von
· Kronenpflegemaßnahmen,
· Erziehungs- und Aufbauschnitten bei Fehlentwicklungen an Jungbäumen,
· Lichtraumprofilschnitten an Jung- und Altbäumen usw. werden vorausgesetzt.
Weitere Informationen
unter: www.Baumstatik.de
VERFASSER: Baumkontroll-
und Sachverständigenbüro Thomas Sinn Dipl.-Ing. öbv Sachverständiger Thomas
Sinn Auf dem Niederberg 18, D-61118 Bad Vilbel Tel.: 06101 - 501 957 *
Fax: - 501 958 * afb@baumstatik.de * www.baumstatik.de
ABBILDUNGSVERZEICHNIS:
KAPITEL 1 bis
3:
Abb.1: Weit fortgeschrittener Befall mit Lackporling an einer Linde. Bruchgefahr
Abb. 2: Unscheinbar: Neubildung eines Lackporling-Pilzfruchtkörpers zwischen
den Wurzelanläufen einer Linde. Grenzwertig bruchsicher
Abb. 3: Abnormes Dickenwachstum an einer Linde als Reaktion auf weit fortgeschrittenen
Befall durch den Brandkrustenpilz. Bruchgefahr
Abb. 4: Unscheinbar: Die schwarzen Überzüge des Brandkrustenpilzes, in
der Regel zwischen den Wurzelanläufen
Abb. 5: Meistens sieht man nur noch die weißlichen, bereits mehr oder
weniger zerfallenen Fruchtkörper des Schwefelporlings, auf dem Foto an
einem Eichenast
Abb. 6: Weit fortgeschrittener Befall mit Zottigem Schillerporling an
einer Esche. Grenzwertig bruchsicher
Abb. 7: Erst in fortgeschrittenem Befallsstadium kann der Holzabbau durch
den Zottigen Schillerporling allmählich auf den lebenden Splintholzbereich
übergreifen
Abb. 8: Riesenporlingsbefall an Rotbuche. Obwohl der Baum pilzbedingt
bereits abstirbt, ist er noch immer stand- und bruchsicher
Abb. 9: Befall einer Esche durch den Sparrigen Schüppling. Stand- und
bruchsicher
Abb. 10: Eichenfeuerschwamm
Abb. 11: Folge eines weit fortgeschrittenen Befalles einer Rotbuche durch
den Zunderschwamm: Stämmlingsausbruch
Abb. 12: Pilzfruchtkörper des Hallimasch an einem absterbenden Naturdenkmal-Bergahornbaum
Abb. 13: Rinde und Kambium tot, zwischen Rinde und Holzkörper weißliches
Pilzmycel: Befall durch den Hallimasch. Etwa zwei drittel der Krone der
Roßkastanie waren bereits abgestorben
Abb. 14: Grundsätzlich weniger gefährlich: Fruchtkörper des Leberpilzes
in der Stammhöhlung einer Eiche. Stand- und bruchsicher
Abb. 15: Pilzfruchtkörper des Eschenbaumschwamms am Stammfuß einer Robinie.
Kipp- / Bruchgefahr
Abbildungen 7, 11 und 12 Günter Sinn, alle anderen vom Verfasser.
KAPITEL 4:
Abb. 16 Gefahr: Großflächig abgestorbene Rindenpartien, hier an einer
umgestürzten Pappel
Abb. 17 Gefahr: Fäulebedingte streifenförmige Einwallung an einer Linde
Abb. 18 Gefahr: Fäulebedingte Einbuchtung am Stammfuß einer Linde. Darunter
wurde eine tiefreichende Weißfäule freigelegt
Abb. 19 Gefahr: Am Stamm einer Linde abgestorbene Rindenpartien und Bildung
eines Überwallungswulstes, der sich ohne äußerlich erkennbare Schädigung
entwickelt hat
Abb. 20 Gefahrenhinweis: Übermäßiger partieller Dickenzuwachs seitlich
von Einwallungen und einer alten Betonplombe an einer Linde. Ursache:
Befall mit dem Brandkrustenpilz
Abb. 21 Verkehrssicher: Reaktion auf Fäule mit Kompensationswachstum an
einem tiefreichend eingefaulten Zuckerahorn
Abb. 22 Gefahrenhinweis: Stammfußschaden an Spitzahorn ohne Kompensationswachstum.
Der Baum wies außerdem absterbende Kronenteile und mehrere Wundleistenbildungen
am Stamm auf
Abb. 23 Verkehrssicher trotz Brandkrustenpilz: Rotbuche mit der Ausbildung
einer Wurzelplatte
Abb. 24 Gefahr: Tiefreichende Höhlung und keine Abgrenzung zwischen abgestorbenen
und gesunden Rinden- und Holzbereichen. Die Roßkastaniewar nicht mehr
verkehrssicher
Abb. 25 Verkehrssicher trotz Schwefelporlingsbefall: Frei gewachsene Naturdenkmal-Eiche,
h/d-Wert = 19
Abb. 26 Zunehmende Gefahr: V-Zwiesel, eingewachsene Rinde und beginnende
Leistenbildung an einem Spitzahorn
Abb. 27 Gefahr: V-Zwiesel, eingewachsene Rinde, Leistenbildung und Wassertasche
an einer Rotbuche
Abb. 28 Gefahr: Ausgebrochener V-Zwiesel mit eingewachsener Rinde, Leistenbildung
und Wassertasche an einem Spitzahorn
Abb. 29 Gefahr: Ausgebrochener V-Zwiesel mit eingewachsener Rinde, Leistenbildung
und Wassertasche an einer Roßkastanie. In der Wassertasche sind Adventivwurzeln
ausgebildet.
Abb. 30 Verkehrssicher: U-förmige Zwieselbildung
Abb. 31 Konkurrierende Teilkrone: Astanbruch und Bruchgefahr im Bereich
der Krümmung an einer Fichte
Abb. 32 Gefahr: Angebrochener Wurzelanlauf / Stammfuß eines schiefstehenden
Baumes
Abb. 33 Gefahr: Stammnahe konzentrisch verlaufende und aufklaffende Bodenrisse
nach einem Orkan. Nachbarbäume der Reihe waren bereits umgefallen
Abbildungen 16, 28 und 32 von Günter Sinn, alle anderen Abbildungen vom
Verfasser.
KAPITEL 5
Abb. 34 Verkehrssicher trotz Bautätigkeit: Eiche in Hochbeet.
Abb. 35 Gefahr: Schiefstand nach Orkan ohne Aufwärtskrümmung des Stammes.
Es waren außerdem stammnahe, konzentrisch verlaufende und weit aufklaffende
Bodenrisse feststellbar
Abb. 36 Verkehrssicher: Veredelungsstelle an einer Linde
Abb. 37 Gefahr: Ausfluß, tiefe Einwallungen und partielles übermäßiges
Kompensationswachstum. Die Hemlocktanne war zudem stark schiefstämmig
Abb. 38 Gefahr: Von alljährlich aufgeplatzten „Frostrissen“ ausgehend
hat sich im Laufe der Jahre eine verkehrsgefährdende Fäule entwickeln
können
LITERATUR:
Butin, H.: Krankheiten der Wald- und Parkbäume. Georg Thieme Verlag, New
York, 1989
Dujesiefken, D., A.
Wohlers und Th. Kowol: Die Hamburger Baumkontrolle - der Leitfaden für
eine fachgerechte Baumkontrolle. In: Jahrbuch der Baumpflege, Verlag Bernhard
Thalacker GmbH & Co. KG, Braunschweig, 1999
Dujesiefken, D., A.
Wohlers und Th. Kowol: Baumkontrolle nach Baumarten differenziert- typische
Schadsymptome bei Linde, Eiche und Roßkastanie. In: Jahrbuch der Baumpflege,
Verlag Bernhard Thalacker GmbH & Co. KG, Braunschweig, 1999
Höster, H. R.: Baumpflege
und Baumschutz . Verlag Eugen Ulmer GmbH & Co, Stuttgart, 1993
Jahn, H.: Pilze an
Bäumen. Patzer Verlag, Berlin - Hannover, 1990
Reinartz, H und M.
Schlag: Wichtige holzzerstörende Pilze an Straßen- und Parkbäumen. DAS
GARTENAMT 43 (1994) 6, 403-406
Reinartz, H und M.
Schlag: Integrierte Baumkontrolle (IBA). STADT UND GRÜN 46 (1997) 10,
709-712
Wessolly, L. und M.
Erb: Handbuch der Baumstatik und Baumkontrolle. Patzer-Verlag, Berlin
- Hannover, 1998
Wohlers, A.: Holzzerstörende
Pilze - wichtige Arten an Straßen- und Parkbäumen. In: Jahrbuch der Baumpflege,
Verlag Bernhard Thalacker GmbH & Co. KG, Braunschweig, 1998
Wohlers, A., Th. Kowol
und D. Dujesiefken: Pilze bei der Baumkontrolle. Verlag Bernhard Thalacker
GmbH & Co. KG, Braunschweig, 2001
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