Belastung von
Altbäumen durch den Wind
cw-Wert-Messungen
im Orkan Jeanette
Thomas Sinn
Am 27.10.2002 zog der
Orkan Jeanette mit Windgeschwindigkeiten bis zu 152 km/h über Deutschland
hinweg und richtete schwere Schäden an. Dieses Sturmereignis bot günstige
Voraussetzungen für Belastungsmessungen. Zum einen wurde von den Wetterdiensten
der genaue Zeitpunkt des Eintreffens des Orkans vorhergesagt und zum anderen
waren die meisten Bäume noch immer belaubt und boten so ideale Voraussetzungen
für Windwiderstandsmessungen. Der Verfasser konnte während des Orkanereignisses
erstmals umfangreiche Belastungsmessungen an einer etwa 350 Jahre alten
und mehr als 20 m hohen, bereits gekappten Stieleiche durchführen. Vergleichbare
Untersuchungen wurden bislang an Altbäumen noch nicht durchgeführt. Die
Meßergebnisse zeigen, daß bei baumstatischen Analysen die Luftwiderstandsbeiwerte
„cw“ zu modifizieren sind.
Der cw-Wert von Bäumen
Ein wesentliches Element
statikintegrierter Zugprüfungen von Bäumen zur Überprüfung der Stand-
und Bruchsicherheit sind die Windlastannahmen. Bäume sind keine starren
Baukörper. Der Wind kann durch die Kronen hindurchblasen und unter Windbelastung
gibt die elastische Baumkrone dem Winddruck nach. Der Baum „bückt“ sich
und „legt die Ohren an“. Für die Entwicklung der Baumstatik waren insbesondere
die Arbeiten von Mayhead (1973) von Bedeutung. Bei seinen Versuchen mit
Nadelbäumen im Windkanal wurden für Windstärke 12 cw-Werte um 0,2 festgestellt.
Weitere cw-Wertmessungen erfolgten insbesondere an der Universität Stuttgart
mit einer speziellen Windmeßanlage während des Orkans Vivian im Februar
1990. Die Messungen an einer Kiefer ergaben cw-Werte bis etwa 0,23 bei
Windstärke 12. Bei gleichzeitig gemessenen Laubbäumen lag der cw-Wert
deutlich darunter, vor allem da sie unbelaubt waren. Aktuellere Messungen
von Wessolly auf Korsika weisen an einer immergrünen, 11,30 m hohen Eiche
bei Windstärke 10 einen cw-Wert von etwa 0,28 nach. Da der Luftwiderstandsbeiwert
cw von Bäumen mit zunehmender Windgeschwindigkeit abnimmt, kann nach den
bislang vorliegenden Meßkurven für diesen Baum ebenfalls ein cw-Wert um
etwa 0,2 bei Windstärke 12 extrapoliert und angenommen werden.
Allen bislang veröffentlichten Messungen zum Luftwiderstandsbeiwert cw
von belaubten Bäumen ist eines gemeinsam: Es handelte sich um relativ
kleine Bäume beziehungsweise um Nadelbäume. Daher wurden stets geringe
cw-Werte um 0,2 gemessen (der cw-Wert ist der Multiplikator bei den Windlastannahmen
von Bäumen und daher von eminenter Bedeutung für die Windlastermittlung).
Viele Widrigkeiten gilt es bei der cw-Wertmessung von Bäumen zu überwinden:
1. Orkane kommen nicht auf Bestellung.
2. Zur Zeit der Winterorkane sind die heimischen Laubbäume unbelaubt.
3. Die Windstärkemessung muß im Bereich des Windlastschwerpunktes in der
Krone erfolgen. Bei großen Bäumen kann der Windlastschwerpunkt in einer
größeren Höhe als 20 m sein.
4. Die Messungen erfordern einen erheblichen Zeit- und Materialaufwand
(siehe nachfolgende Versuchsbeschreibung).
Große Altbäume weisen häufig Kronensegel von mehreren hundert Quadratmetern
Fläche und ein entsprechend großes Kronenvolumen sowie eine geringe Nachgiebigkeit
der Äste und Zweige auf.
Der Feldversuch
Aufgrund der eingangs
beschriebenen günstigen Voraussetzungen und der Möglichkeit des Anbringens
einer Windmeßanlage im Bereich des Kronenschwerpunktes ergab sich im Rahmen
des laufenden Forschungsprojektes der Arbeitsstelle für Baumstatik erstmals
die Möglichkeit einer Messung zur Bestimmung des Luftwiderstandsbeiwertes
cw an einem mehr als 20 m hohen, etwa 350 Jahre alten Naturdenkmalbaum
mit mehr als zweihundert Quadratmetern Kronensegelfläche.
Die „Pfarrgarten-Eiche“ mit einem Stammumfang von fast 6 m steht in einem
Pfarrgarten nahe Frankfurt am Main. Nach Westen steht sie weitgehend frei.
Die Windlastannahmen erfolgten im Vorfeld der Windstärke- und Dehnungsmessungen.
Es wurde ein Polaroid-Foto der Eiche gefertigt, die Baumkonturen eingezeichnet,
die Baumhöhe gemessen und anschließend das Bild im Windlastprogramm der
Arbeitsstelle für Baumstatik digitalisiert. Über verschiedene Lastbeiwerte
für die windangeblasene Baumstruktur wurden die Windlastannahmen erstellt.
Am Tag des Orkans wurde die Windmeßanlage bis in der Höhe des Windlastschwerpunktes
der Eiche installiert. Der Abstand der ersten Windmeßstation bis zum Kronenmantel
der Eiche betrug 11,20 m. Eine zweite Windmeßstation wurde vor der Eiche
in 16,30 m Entfernung zum Kronenmantel bis in 3,60 m Höhe aufgestellt.
Am Stammfuß der Eiche wurde ein Dilatometer (Setz-Dehnungsmesser) angebracht.
Alle verwendeten Meßgeräte verfügen über einen min-/max-Speicher, das
heißt es wird der jeweils größte Ausschlag auf der Meßskala gespeichert
und auf dem Display angezeigt.
Die Geräte wurden von Beginn des Sturmereignisses an fortlaufend abgelesen.
Alle Veränderungen von Windstärke 8 - 11 wurden während der mehrstündigen
Messungen fortlaufend festgehalten. Danach wurde die Meßstelle, das heißt
die Einstichpunkte der zwei Nadeln des Dilatometers am Stammfuß, mit wetterfestem
Farbpastenstift für die nachfolgenden Messungen markiert.
Vier Tage nach den Windstärke- und Dehnungsmessungen im Orkan Jeanette,
die sich über zwei Tage erstreckten, erfolgte an dem Baum bei Windstille
ein Zugversuch in Ostrichtung, also genau in der Belastungsrichtung des
Baumes unter dem orkanartigen Sturmereignis aus Westrichtung. Ein Vergleich
zwischen den unter der tatsächlichen Windbelastung gemessenen Dehnungsmeßwerten
mit den Dehnungsmeßwerten unter definierter Zugbelastung ließ eindeutige
Rückschlüsse auf die tatsächliche Belastung des Baumes bei den verschiedenen
Windstärken zu.
Es mußten bei den Windlastannahmen für verschiedene Windstärken nur noch
die Luftwiderstandsbeiwerte cw im Baumstatikprogramm der Arbeitsstelle
für Baumstatik so lange angepaßt werden, bis die Windlasten der Windlastannahmen
mit den unter Zugbelastung gemessenen Zugkräften übereinstimmten.
Das Ergebnis war erstaunlich: Bei Windstärke 11 wurde der Altbaum durch
den orkanartigen Sturm am Stammfuß mit fast 1.000 kNm belastet (dies entspricht
der Masse einer Gewichtskraft von ca. 100 Tonnen). Dieser enormen Belastung
widerstand der bis auf wenige Zentimeter Restwanddicke ausgefaulte und
in der Vergangenheit bereits angebrochene Baumstamm problemlos.
Fazit
Mit den vorliegenden
Untersuchungsergebnissen konnte erstmals der Luftwiderstandsbeiwert cw
eines sehr großen, etwa 350 Jahre alten und bereits gekappten Naturdenkmalbaumes
gemessen werden. Die (bislang einmaligen) Meßergebnisse zeigen, daß bei
baumstatischen Analysen die Luftwiderstandsbeiwerte cw je nach Flexibilität
der Krone zu modifizieren sind. Ältere Bäume mit sperrigen Ästen und relativ
großen Kronen setzen dem Wind einen größeren Widerstand entgegen. Sie
weisen einen wesentlich höheren cw-Wert auf.
Im Rahmen des Forschungsvorhabens der Arbeitsstelle für Baumstatik, das
fortgesetzt wird, konnten bislang außer von der Pfarrgarten-Eiche cw-Werte
für einen mehr als 12 m hohen, etwa 50 Jahre alten und gekappten Birkenaltbaum
im Orkan gewonnen werden.
Abbildungen:
Diagramm: Darstellung der gemessenen zunehmenden Belastung der Pfarrgarten-Eiche
mit zunehmender Windstärke (Wert für Windstärke 10 interpoliert)
Abb. 1 Habitus der etwa 350 Jahre alten Pfarrgarten-Eiche
Abb. 2 Dilatometer zur cw-Wert-Messung am Stammfuß der Pfarrgarten-Eiche
Literatur:
Mayhead, G.J.: Some drag coefficients for british forest trees derived
from wind tunnel studies. Agric. Meteorol. 12, 1973, S. 123 - 130
Wessolly, L.: Baumstatische Analyse der Frühjahrsorkane. Neue Landschaft
36, 1991, November, S. 777 - 784, Patzer-Verlag
Wessolly, L.: Analyse der am Baum wirkenden äußeren Kräfte, deren Auswirkungen
und Ableitungen für die Praxis. Vortragsskript (Kopie ohne weitere Angaben,
um 1992/1993)
|