Bohrverfahren
Bruchsicherheit
von Bäumen verschieden beurteilt
Günter Sinn
und Thomas Sinn
(veröffentlicht in
STADT UND GRÜN 7/97)
Im Auftrag der Stadt K. sollten die Stand- und Bruchsicherheit dreier
mehr als 100 Jahre alter Ahornbäume, die als Naturdenkmal ausgewiesen
sind, mit statikintegrierten Kontrollprüfungen untersucht werden. Im Vorfeld
dieser Untersuchungen war die Verkehrssicherheit der Bäume durch den Sachverständigen
Z., beauftragt durch die zuständige Untere Naturschutzbehörde, mit der
VTA-Methode untersucht worden. Dessen Untersuchungen ergaben Bruchgefahr
für alle drei Bäume. Sie sollten gefällt werden. Weil Zweifel an diesem
Gutachten aufkamen, beschloß das Stadtparlament von K. fast einhellig,
ein weiteres Gutachten zur Verkehrssicherheit der drei stadtbildprägenden
Bäume einzuholen.
Nach eingehender visueller
Untersuchung durch den zunächst beauftragten zweiten Gutachter B. wurden
alle drei Naturdenkmalbäume entgegen der meßtechnischen Untersuchungsergebnisse
laut VTA-Methode als bruchsicher beurteilt. Zur weitergehenden Untersuchung
wurden vom Gutachter B. meßtechnisch begleitete Zugversuche durch die
Arbeitsstelle für Baumstatik empfohlen. Die statikintegrierten, verletzungsfreien
Kontrollprüfungen wurden im November 1996 durchgeführt. Es sind die in
der ZTV-Baumpflege 1993 genannten AfB-Methode (Neigungsmessung zur Standsicherheitsüberprüfung)
und Elastomethode (Dehnungsmessung oder Setz-Dehnungsmessung zur Bruchsicherheitsüberprüfung).
Die Zugversuche wurden
in der jeweils ungünstigsten Belastungsrichtung durchgeführt, d.h. in
Richtung offener Höhlungen beziehungsweise in Neigungsrichtung oder in
Richtung des Kronenüberhanges. Die Untersuchungsergebnisse aus windlastorientierten
Zugversuchen stehen den Testergebnissen laut VTA-Methode diametral entgegen.
Feststellungen im Vergleich - Baum-Nr. 1
BAUM-NR. 1
Zu den Baumdimensionen: Baumhöhe = 22,50 m. Stammumfang in 1,30 m Höhe
= 3,28 m. Windangriffsfläche = 206 m², Windlastmoment (bezogen auf Windstärke
12 nach Beaufort und den Zustand der vollen Belaubung, ermittelt im Baumstatikprogramm
der Arbeitsselle für Baumstatik) = 419 kNm. Der Baum weist im Stammbereich
äußerlich -außer Bohrwunden- keine sichtbaren Defekte auf. Er ist augenscheinlich
bruchsicher.
VTA-METHODE (Gutachter
Z.):
Eingesetzte Meßgeräte:
* Resistograph M 300 (Forschungszentrum Karlsruhe, Bohrtiefe bis 30 cm)
* Fraktometer
(Forschungszentrum Karlsruhe)
* Zuwachsbohrer.
Die Fraktometer- und
Resistographenergebnisse zur Bruchsicherheit werden in den Tabellen 1
und 2 wiedergegeben.
Der FT-Wert (Fraktometer-Wert) wird für Ahornbäume laut aktualisierter
VTA-Vergleichstabelle für den grünen, das heißt bruchsicheren Sollbereich,
mit 89-120 FE (Fraktometer-Einheiten), für den gelben, das heißt je nach
Schiefstand des Stammes beziehungsweise Rückschnittgrad der Krone noch
bruchsicheren bis bruchgefährdeten Bereich mit 58-88 FE und für den roten,
das heißt auf jeden Fall bruchgefährdeten Bereich mit 27-57 FE angegeben.
Demnach ist Baum-Nr.
1 akut bruchgefährdet. Dagegen sprechen allerdings die Meßergebnisse der
zwei Bohrungen mit dem Resistographen (siehe Tabelle 2, eine der Bohrungen
in einer "Beule", d.h. Defektsymptom nach VTA, in diesem Fall jedoch biologisch
bedingt).
Fazit laut Gutachter
Z. für Baum-Nr. 1: "Sehr starker Rückschnitt oder Fällung wegen mangelnder
Bruchsicherheit."
ZUGVERSUCHE (durch
die Verfasser):
Eingesetzte Meßgeräte:
* Neigungsmesser (Meßauflösung 1:100 Grad, Universität Stuttgart)
* Dehnungsmesser (Meßauflösung (1:1000 Millimeter, Universität Stuttgart)
* Kraftmeßdose (Meßauflösung 1 kg, Fa. Greifzug)
* Suunto-Baumhöhenmesser und andere.
Zur Standsicherheit
(AfB-Methode, Neigungsmessungen):
Der Baum wurde beim Zugversuch bis rund 32 % des Windlastmomentes bei
Windstärke 12, berechnet für den Zustand der vollen Belaubung, belastet.
Die Neigung des Baumes am Stammfuß in 0,10 m Höhe war beim letzten Lastschritt
(= 32 % WLM 12) 0,02 Grad, das heißt der Baum ist hochgradig standsicher.
Zur Bruchsicherheit
(Elastomethode, Dehnungsmessungen):
Der geringste
Bruchsicherheitswert der Meßreihe aus 11 Setz-Dehnungsmessungen
war 3,6-fache Bruchsicherheit in 1,27 m Höhe, d.h. hochgradige Bruchsicherheit
des Baumstammes.Demnach sind keine Rückschnittmaßnahmen erforderlich.
Aufsatzende: Erklärung der unterschiedlichen Meßergebnisse.
Windlastorientierte
Dehnungsmessungen beziehungsweise die Elastomethode nach WESSOLLY wurden
inzwischen unter anderem durch Abbruchversuche der Arbeitsstelle für Baumstatik
an vorgeschädigten Altbäumen in Feldversuchen abgesichert (Veröffentlichung
folgt).
Feststellungen im Vergleich - Baum-Nr. 2
BAUM-NR. 2:
Zu den Baumdimensionen: Baumhöhe = 21,30 m. Stammumfang in 1,30 m Höhe
= 3,11 m. Windangriffsfläche = 112 m², Windlastmoment (bezogen auf Windstärke
12 nach Beaufort und den Zustand der vollen Belaubung) = 254 kNm. Der
Baum ist sichtbar im Stammfußbereich ausgefault, er ist -an kleinen offenen
Höhlungen feststellbar- tiefreichend ausgehöhlt. Der verbliebene Stammantel
allerdings ist augenscheinlich intakt. Die Windangriffsfläche ist durch
länger zurückliegende Schnittmaßnahmen bereits reduziert.
VTA-METHODE:
Resistographenergebnisse: Insgesamt 5 Bohrungen. In 0,30 und 0,40 m Höhe
wird eine Restwandstärke von 10 cm bzw. 7,69 % diagnostiziert, danach
Naßkern beziehungsweise Splintfäule. In 1,70 m Höhe = Restwandstärke 10
cm bzw. 8,33 %, danach Naßkern. Eine luvseitige Wurzel ist vollholzig.
Fraktometerergebnisse:
Insgesamt 3 Bohrungen mit dem Hohlbohrer in 0,30 m Höhe und 3 weitere
Bohrungen in 1,70 m Höhe bis in 30 cm Tiefe; 11 Untersuchungen der Bohrkerne
im Fraktometer. Die Ergebnisse in 0,30 m Höhe sind 2 x roter, 2 x gelber
und 2 x grüner Bereich, in 1,70 m Höhe 3 x roter und 3 x gelber Bereich.
Fazit laut Gutachter Z. für Baum-Nr. 2: "Fällung wegen mangelnder Restwandstärke
und mangelnder Bruchsicherheit."
ZUGVERSUCHE:
Zur Standsicherheit: Der Baum wurde beim Zugversuch bis rund 30 % des
Windlastmomentes bei Windstärke 12, berechnet für den Zustand der vollen
Belaubung, belastet. Die Neigung des Baumes am Stammfuß in 0,22 m Höhe
war beim letzten Lastschritt (= 30 % WLM 12) 0,02 Grad, das heißt der
Baum ist hochgradig standsicher.
Zur Bruchsicherheit: Es wurden insgesamt 13 Messungen in zwei unterschiedliche
Belastungsrichtungen zwischen 0,15 m und 2,32 m Höhe durchgeführt. Der
geringste Bruchsicherheitswert der Meßreihe wurde an der Stamm-Südseite
in 1,00 m Höhe mit 3,6-facher Sicherheit gemessen, das heißt der Stamm
ist hochgradig bruchsicher. Demnach sind keine Rückschnittmaßnahmen erforderlich.
Aufsatzende: Erklärung der unterschiedlichen Meßergebnisse.
Feststellungen im Vergleich - Baum-Nr. 3
BAUM-NR. 3
Zu den Baumdimensionen: Baumhöhe = 19,80 m. Stammumfang in 1,30 m Höhe
= 3,77 m. Windangriffsfläche = 123 m², Windlastmoment (bezogen auf Windstärke
12 nach Beaufort und den Zustand der vollen Belaubung) = 252 kNm. Der
Baum ist sichtbar im Stammfußbereich ausgefault, er ist -an offenen Höhlungen
feststellbar- weitgehend ausgehöhlt. Der verbliebene Stammantel allerdings
ist augenscheinlich intakt. Die Windangriffsfläche ist durch länger zurückliegende
Schnittmaßnahmen bereits reduziert.
VTA-METHODE:
Resistographenergebnisse: Insgesamt 2 Bohrungen. In 0,30 m Höhe wird eine
Restwandstärke von 15 cm bzw. 10,71 % diagnostiziert, in 1,70 m Höhe =
Restwandstärke 23 cm bzw. 16,43 %.
Fraktometerergebnisse:
Insgesamt 1 Bohrung mit dem Hohlbohrer in 0,30 m Höhe bis in 30 cm Tiefe
und eine weitere Bohrung ohne Höhenangabe; 5 Untersuchungen der Bohrkerne
im Fraktometer. Die Ergebnisse sind 1 x roter und 4 x grüner Bereich.
Fazit laut Gutachter
Z. für Baum-Nr. 3: "Fällung wegen mangelnder Restwandstärke."
ZUGVERSUCHE:
Zur Standsicherheit: Der Baum wurde beim Zugversuch bis rund 24 % des
Windlastmomentes bei Windstärke 12, berechnet für den Zustand der vollen
Belaubung, belastet. Die Neigung des Baumes am Stammfuß in 0,08 m Höhe
war beim letzten Lastschritt (= 24 % WLM 12) 0,01 Grad, das heißt der
Baum ist hochgradig standsicher.
Zur Bruchsicherheit:
Es wurden insgesamt 16 Messungen in zwei unterschiedliche Belastungsrichtungen
zwischen 0,12 m und 2,20 m Höhe durchgeführt. Der geringste Bruchsicherheitswert
der Meßreihe wurde an der Stamm-Südwestseite in 0,68 m Höhe mit 3,4-facher
Sicherheit gemessen, das heißt der Stamm ist hochgradig bruchsicher.
Demnach sind keine Rückschnittmaßnahmen erforderlich.
Erklärung der unterschiedlichen Meßergebnisse
Die kontroversen Meßergebnisse
der Elastomethode sowie der VTA-Methode zur Bruchsicherheitsüberprüfung
der drei Ahornbäume in K. ergeben sich durch die unterschiedlichen methodischen
Ansätze und die jeweilige Aussagekraft der eingesetzten Untersuchungsverfahren.
Die Elastomethode
beruht auf folgenden Grundlagen:
1. Es werden die Materialeigenschaften des betreffenden Baumes, im vorliegenden
Fall der Biegeelastizitätsmodul und die Druckfestigkeit, berücksichtigt.
Diese wurden aus Holzproben von frisch gefällten Bäumen ermittelt (sogenannter
Stuttgarter Festigkeitskatalog).
2. Durch Vor-Ortmessung wird das jeweilige Widerstandsmoment berücksichtigt,
das heißt die Querschnittsdimension und -form des zu untersuchenden Baumteils
an der Meßstelle und in Belastungsrichtung.
3. Berücksichtigung der von außen auf das System Baum einwirkenden Last
(= Windlast), nach DIN 1055, modifiziert für Bäume. ANMERKUNG: Wegen Unwägbarkeiten,
insbesondere wegen Streuungen bei den aus Laborwerten gewonnenen Materialeigenschaften,
ist bei der Elastomethode jeweils ein 1,5-facher Sicherheitsabstand zu
berücksichtigen. Die Baumstabilität wird experimentell durch Zugversuche
überprüft.
Die VTA-Methode
beruht auf folgenden Grundlagen:
1. Die Qualität des Materials wird am jeweiligen Baum aus 8 mm dicken,
gestörten Holzproben ermittelt und in Bezug zu Vergleichswerten gesetzt.
Kritik seitens der Autoren: Diese Vorgehensweise entspricht nicht den
Anforderungen an Materialprüfungen von Holz. Zum Beispiel werden die insbesondere
in Bezug auf die Inhomogenität des Holzes erforderlichen Mindestprobengrößen
deutlich unterschritten. Nach G. LESNINO und P. GLOS in ALLGEMEINE FORST
ZEITSCHRIFT (AFZ) 8/94 können bei dieser Vorgehensweise keine zuverlässigen
Feststellungen zu Materialeigenschaften von Bäumen getroffen werden.
2. Die Querschnittsdimension und -form, die das Widerstandsmoment des
zu untersuchenden Baumteils an der Meßstelle und in Belastungsrichtung
bestimmen, werden nicht berücksichtigt. Dafür werden punktuelle Wanddickemessungen
durchgeführt. Aufgrund der Felduntersuchungen, die als Bruchgrenze Wanddicken
von 1/3 des Stammradius ergeben haben, erfolgt zusammen mit den oben genannten
Materialprüfungen die Einstufung in sichere und unsichere Bäume.
3. Die VTA-Methode stützt sich auf ein Axiom konstanter Spannung und auf
Felduntersuchungen von Bäumen, zumeist Waldbäumen (Windbruch von Fichten),
die mit unbekannter Bruchenergie (Windkraft) zerstört wurden. Kritik seitens
der Autoren: Die individuelle Windlast (Bruchkraft) bei Windstärke 12
nach BEAUFORT wird nicht berücksichtigt, wie in der Statik technischer
Bauwerke und in der Baumstatik erforderlich. Für die Verkehrssicherheit
eines Baumes (wie auch technischer Bauwerke) kann jedoch nicht eine Bruchkraft
unbekannter Dimension zugrunde gelegt werden, sondern es muß die Kraft
in Betracht gezogen werden, die der Wind bei Windstärke 12 nach BEAUFORT,
in Abhängigkeit von der Baumhöhe, der Segelfläche der Krone, den Standortbedingungen,
der Böigkeit des Windes, der Schwingung des Baumes usw. auf das System
ausübt. Bau- und baumstatische Berechnungen stützen sich auf diese Vorgaben.
Fazit:
Im vorliegenden Fall
bleibt abzuwarten, welche Prognose zutrifft. Die Ahornbäume werden aufgrund
der Untersuchungen durch die Arbeitsstelle für Baumstatik nicht gefällt.
Ein Baumbruch laut VTA-Untersuchung ist nach Analyse der Belastungssituation
bis Windstärke 12 (Orkan) in absehbarer Zeit nicht zu befürchten. Anmerkung:
Die Bäume stehen noch heute.
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