AfB-Methode
und Inclinomethode
Zwei unterschiedliche
Meß- und Auswerteverfahren zur Standsicherheitsbestimmung von Bäumen
Uwe Männl,
Thomas Sinn und Günter Sinn
In der ZTV-Baumpflege
1993 werden im Anhang unter 1.1.2 "Baumschonende Untersuchungsverfahren"
zur Standsicherheitsüberprüfung von Bäumen folgende technische Untersuchungsmethoden
genannt: "
* Inclino-Methode
* AfB-Methode (Zweipunktmessung)".
Der getrennten Entwicklung
dieser Methoden ging eine enge konstruktive Zusammenarbeit zwischen der
Arbeitsstelle für Baumstatik (AfB) beziehungsweise dem Sachverständigenbüro
GÜNTER SINN und dem Institut für Modellstatik der Universität Stuttgart,
hier insbesondere mit Herrn Dr. Ing. LOTHAR WESSOLLY, voraus.
In dem kürzlich erschienenen Handbuch "Baumstatik + Baumkontrolle" von
LOTHAR WESSOLLY und MARTIN ERB werden beide Untersuchungsmethoden erwähnt.
Vorgestellt wird nur die Inclino-Methode. Dabei entsteht der Eindruck,
daß es keine wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden Meß- und Auswerteverfahren
gebe, die AfB-Methode lediglich ein Ableger der Inclino-Methode sei und
der Autor WESSOLLY im übrigen an der Entwicklung der AfB-Methode mitgewirkt
habe (siehe unter anderem Seite 236 -Tabelle- des oben genannten Handbuches).
Dem Leser wird der
Eindruck vermittelt, daß beide Untersuchungs- und Auswerteverfahren gleiche
Meßergebnisse liefern. Tatsächlich ist dies aber nicht der Fall. Es ist
eine klare Abgrenzung zwischen der AfB-Methode und der Inclino-Methode
geboten.
Ohne die aus Fachaufsätzen
bekannten Methoden nochmals im Detail zu erläutern, wird nur den drei
wesentlichen Fragen nachgegangen:
1. Wer hat die Inclino-Methode und wer die AfB-Methode entwickelt ?
2. Ist die AfB-Methode ein Ableger der Inclino-Methode ?
3. Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen der AfB-Methode und
der Inclino-Methode ?
ZU 1. Wer hat die Inclino-Methode und wer die AfB-Methode entwickelt ?
Beide Untersuchungsverfahren
basieren auf folgenden Grundlagen:
1.1: Windlastannahme
1.2: Zugversuch (Simulation der Windlast)
1.3: Neigungsmessung während des Zugversuches
1.4: Auswertung der Meßdaten (Prognose der Standsicherheit)
1.1: Windlastannahme
Die Methodik für Windlastannahmen an Bäumen zur Bestimmung der Standsicherheit
wurde von G. SINN seit 1980 entwickelt und in der Gutachterpraxis angewandt
(erstes EDV-Programm 1984, HUND. Vertrieb: SVK-Verlag). Die rechnerisch
stark vereinfachten Lastannahmen erforderten einen erhöhten (1,5-fachen)
Sicherheitsabstand. Auf der Grundlage dieser Arbeiten wurde die Windlastberechnung
von WESSOLLY im Jahre 1988 insbesondere um dynamische Komponenten erweitert.
1.2: Zugversuch
(Simulation der Windlast)
Der erste windlastbezogene Zugversuch (Belastungsversuch) zur Bestimmung
der Standsicherheit wurde 1984 von G. SINN an einer Eiche in Kaiserslautern
durchgeführt . Im gleichen Jahr gründete G. SINN die Arbeitsstelle für
Baumstatik (AfB). Der erste Abbruchversuch eines Baumes auf der Grundlage
von Lastannahmen nach G. SINN wurde gemeinsam mit KAYSER, STOEHREL und
WESSOLLY (Institut für Modellstatik der Universität Stuttgart) 1987 durchgeführt.
Es handelte sich um den in der Literatur veröffentlichten Großversuch
an der Blutbuche im Park der Villa Berg in Stuttgart (unter anderem in:
DAS GARTENAMT 37, Mai 1988).
1.3: Neigungsmessung
während des Zugversuches
Die ersten Neigungsmessungen mit elektronischen Neigungssensoren (Inclinometern)
und Pendel wurden bei Zugversuchen an Bäumen zur Bestimmung der Standsicherheit
unter der Leitung von KAYSER, PFEIL, G. SINN, STOEHREL und WESSOLLY im
Juni 1988 in Frankfurt am Main durchgeführt (G. SINN: "Untersuchungen
zur Kippursache von Eichen im Riederwald, Frankfurt/M.", SVK-Verlag, 1990).
Diese Neigungsmessungen wurden trotz anfänglicher Bedenken der Beteiligten
durchgeführt. Im Versuchsbericht vom 25.07.1988 zu den obigen Untersuchungen
in Frankfurter Riederwald führt WESSOLLY aus: "Wegen der erforderlichen
hohen Last ..... eignet sich diese Methode (Anm.: Die Neigungsmessung
zur Überprüfung der Standsicherheit) wie im vorliegenden Fall nur bei
einer Stichprobenuntersuchung, die die Fällung des Baumes mit einbezieht."
Die Skepsis gegen die Aussagekraft von Neigungsmessungen zur Standsicherheitsüberprüfung
von Bäumen war unbegründet. Die Neigungskurven umgezogener Bäume waren
signifikant und ließen in Bezug zur Windlast Aussagen zu deren Standsicherheit
zu (vergl. DAS GARTENAMT 38, Juli 1989.
1.4: Auswertung
der Meßdaten (Prognose der Standsicherheit)
1990 erstellte U. MÄNNL in Zusammenarbeit mit G. SINN und TH. SINN auf
der Grundlage der vorliegenden Meßdaten für die Arbeitsstelle für Baumstatik
ein eigenes Meßdatenauswertungsprogramm. Dabei wurde die bisherige Berechnungsweise
zur Windlastermittlung, ergänzt durch den Beitrag WESSOLLYS, weitgehend
beibehalten. Das Auswerteverfahren der unter Zuglast gewonnenen Neigungsmeßwerte
wurde grundsätzlich geändert.
Zitat aus dem Aufsatz
von G. SINN und U. MÄNNL: "Methodische Verbesserungen und neue Meßgeräte
zur Standsicherheitsüberprüfung von Bäumen" in DAS GARTENAMT 39, September
1990: "..... wurde der Weg der empirischen Meßdatenanalyse eingeschlagen.
Ausgehend von den erhaltenen Meßwerten wurden zwölf lineare und nichtlineare
Regressionsmodelle sowie eine eigens für dieses Problem konstruierte Exponentialgleichung
zur Basis e (EULERsche Zahl) getestet. Die Ergebnisse dieser Analyse im
einzelnen waren:
* Das Neigungs- und
Kippverhalten weist je nach Standsicherheit des Baumes skalierbare Eigenschaften
auf, die eine Unterteilung in bisher fünf Gruppen zulassen. Aufgrund der
Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen, nennen wir sie Neigungsklassen,
konnte jeweils eine Konstante gefunden werden, die im weiteren für die
Berechnung der Gesamtfunktion von Bedeutung ist.
* Die bisher untersuchten
Bäume zeigten ohne Ausnahme eine Neigungsklassentreue, das heißt die einmal
gefundene Zuordnung zu einer bestimmten Klasse wurde auch unter starker
bis extremer Zuglast nicht verlassen. Aufgrund dieser Tatsache wurde die
Zuverlässigkeit einer berechenbaren Prognose entscheidend verbessert.
* Innerhalb einer jeden
Neigungsklasse setzt sich die Gesamtfunktion aus einem linearen oder quasilinearen,
einer Stammfunktion 2. Ordnung und der speziell konfigurierten e-Funktion
zusammen. Die Anteile jeder dieser Funktionen an der Gesamtfunktion ergeben
sich aus der Neigungsklassenkonstante. ....."
Ab diesem Zeitpunkt
gab es zwei unterschiedliche Auswerteverfahren zur Standsicherheitsüberprüfung
von Bäumen. Bis Ende 1991 wurden unter dieser Voraussetzung von der Arbeitsstelle
für Baumstatik 287 Bäume auf Standsicherheit überprüft. Von diesen Problembäumen
waren nur rund 58 % ausreichend standsicher, das heißt fast jeder zweite
Baum wurde in der Gutachterpraxis als kippgefährdet oder grenzwertig standsicher
beurteilt.
Datenrecherchen und
Umzugversuche zu experimentellen Zwecken an Altbäumen (Fällkandidaten)
ergaben, daß unter Verwendung präzisierter Windlastannahmen die Sicherheitsabstände
bei der Standsicherheitsbeurteilung zu hoch waren. Dies führte zu einer
grundlegenden Überarbeitung des Auswerteverfahrens, das Anfang 1992 als
AfB-Methode in die Praxis eingeführt wurde (U. MÄNNL: "Analyse der Standsicherheit
von Bäumen" DAS GARTENAMT 41, Juni 1992). Die
Sicherheitsabstände konnten zugunsten der Bäume drastisch verringert werden.
Bei der Inclino-Methode wird nach Kenntnis der Verfasser unter anderem
weiterhin ein 1,5-facher Sicherheitsaufschlag verwendet.
ZU 2. Ist die AfB-Methode ein Ableger der Inclino-Methode ?
Schon aus den unter
1. aufgeführten Tatsachen wird klar, daß dies nicht zutrifft. Beiden Methoden
liegt lediglich das gleiche Meßprinzip zugrunde. Die AfB-Methode ist -insbesondere
bezogen auf das Auswerteverfahren- eine Eigenentwicklung der Arbeitsstelle
für Baumstatik und kein Ableger der Inclino-Methode.
ZU 3. Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen der AfB-Methode
und der Inclino-Methode ?
Die AfB-Methode unterscheidet
sich von der Inclino-Methode nach WESSOLLY vor allem durch:
3.1 Die unterschiedlichen Windlastannahmen
3.2 Den unterschiedlichen Meßaufbau (Zweipunktmessung)
3.3 Die unterschiedliche Auswertung
3.4 Den Wegfall des Sicherheitsaufschlages und
3.5 Die Höhe der Zuglast und Prognosegenauigkeit
3.1: Zu den unterschiedlichen
Windlastannahmen
Bei der AfB-Methode werden die Windlastberechnung und Standsicherheitsermittlung
getrennt für Windstärke 8, 9, 10, 11 und 12 nach BEAUFORT durchgeführt
und ausgewiesen, bei der Inclino-Methode nach Kenntnis der Verfasser nicht.
Bei der Inclino-Methode wird nach Kenntnis der Verfasser zusätzlich das
Torsionsmoment berücksichtigt, bei der AfB-Methode nicht (die Torsionsbelastung
eines Baumes ist zumeist nur für die Bruchsicherheit des Baumstammes bei
großer Stammhöhlung und exzentrischer Krone bedeutsam).
3.2: Zu dem unterschiedlichen
Meßaufbau (Zweipunktmessung)
Bei der Inclino-Methode wird die Neigung an einem Meßpunkt am Stammfuß
des Baumes gemessen. Die AfB-Methode arbeitet nach dem Zweipunktprinzip,
das heißt die unter Zugbelastung des Baumes auftretende Biegung und Neigung
werden an zwei übereinanderliegenden Meßpunkten erfaßt. Bäume mit natürlicherweise
höheren Biegeanteilen können so bezüglich ihrer Standsicherheit besser
beurteilt werden. Dies betrifft Flachwurzler sowie sehr elastische Bäume
wie zum Beispiel Birken, Robinien. Außerdem werden durch die Doppelmessung
eventuelle Meßfehler vermieden.
3.3: Zur unterschiedlichen
Auswertung
Ein wesentlicher Unterschied zwischen der AfB-Methode und der Inclino-Methode
besteht in der Standsicherheitsermittlung aufgrund der Meßdaten.
Auswerteverfahren bei
der Inclino-Methode: In "Holz als Roh- und Werkstoff 49 (1991)"
schreibt WESSOLLY: "..... Jedes Kippen erfordert bis zu einem bestimmten
Punkt eine ansteigende Kraft. Nach Erreichen der Maximalkraft nimmt die
zur weiteren Neigung benötigte Last wieder ab. Im Neigungs-Sicherheits-Diagramm
ergibt sich eine vertikale Tangente. Ihr Durchstoßpunkt durch die waagerechte
Achse ergibt den Sicherheitswert. Die Teilung der Sicherheitsachse ergibt
sich aus dem Verhältnis von eingeleitetem Prüfmoment zum Kippmoment bei
Windstärke 12. Aus mehreren Meßpunkten wird die Meßkurve extrapoliert:
Je steiler die Kurve verläuft, desto standunsicherer ist der Baum....".
Es wird nicht weiter
erläutert, wie die Meßwerte extrapoliert werden. 1993 wird von WESSOLLY
eine "Verallgemeinerte Kippkurve" vorgestellt (LA 03/93 "Großbäume auf
Tiefgaragen"). Diese beruht auf der Erkenntnis, daß die oben genannte
vertikale Tangente (= Kippgrenze) bei allen Bäumen zwischen etwa 2,5 und
5 Grad Neigung am Stammfuß erreicht ist (WESSOLLY in NEUE LANDSCHAFT 11/94).
Nach eigenen Erkenntnissen aus Umzugversuchen an Altbäumen liegt diese
Grenze je nach Baumart und den Standortverhältnissen (Boden) zwischen
etwa 2 und 5 Grad Neigung am Stammfuß. Die Inclino-Methode bezieht sich
auf den von WESSOLLY gefundenen unteren Wert von 2,5 Grad Neigung als
Kippgrenze.
In WESSOLLY und ERB,
Handbuch der Baumstatik + Baumkontrolle, wird auf den Seiten 166 bis 168
ausgeführt: ".....Beim Kippvorgang ist als Gesetzmäßigkeit die "Verallgemeinerte
Kippkurve" gültig: Ab einer Neigung des Stammfußes von 2,5 Grad ist die
maximale Belastbarkeit eines Baumes erreicht. Bis dorthin neigen sich
alle Bäume in einem nahezu identischen Bogen. Der Bogen ist durch zwei
Punkte bestimmbar, den Nullpunkt und einen zweiten beliebigen Punkt. Zieht
man in der Baumkrone mit einer gemessenen Kraft und ermittelt die Neigung,
ist die Last errechenbar, die zu 2,5 Grad Neigung führen würde. .....
Die maximale Kipplast ist bei etwa 2,5 Grad Neigung erreicht, gleichgültig
ob die Wurzel intakt oder geschädigt ist..... Die Entdeckung dieser Kurve
erlaubt die Prognose der maximalen Kipplast schon bei einer Neigung des
Baumes am Wurzelstock von deutlich unter 0,5 Grad....."
Bei der Inclino-Methode
wird der nach den Erkenntnissen von WESSOLLY für Bäume ungünstigste Wert
(= 2,5 Grad Neigung am Stammfuß als Kippgrenze) zugrundegelegt und dabei
eine mögliche natürliche Streuung in Kauf genommen. Nur ein Lastschritt,
wie im obigen Zitat aus dem Handbuch "Baumstatik + Baumkontrolle" von
WESSOLLY und ERB beschrieben, reicht nach Auffassung der Verfasser nur
für tendenzielle Aussagen aus, nicht aber für eine genaue Extrapolation
der Neigungszunahme. Ein mathematisch definierter Kurvenverlauf muß aus
mehreren Lastschritten bestehen.
Auswerteverfahren bei
der AfB-Methode:
Bei der AfB-Methode werden die unter definierter Zugkraft gemessenen Stammneigungen
nach MÄNNL in eine Formel eingegeben, der die physikalischen Prinzipien
des Kippverhaltens von Bäumen aufgrund experimenteller Untersuchung zugrundeliegen.
Die Standsicherheitsdiagnose erfolgt unabhängig vom jeweiligen Anwender
durch den Computer. Hierzu wurde eine Größe definiert, die nach MÄNNL
als relativer Kippmodul (Einheit Prozent) eingeführt wurde. Dieser ".....
ist definiert als die Neigungszunahme des Baumes pro Zugkraftänderung,
bezogen auf einen durch empirische Messungen ermittelten Grenzwert, der
den Beginn des Kippvorganges anzeigt. Erreicht dieser relative Kippmodul
den Wert 1 (= 100 %), so ist die kritische Windlast erreicht, bei der
es zu ersten irreversiblen Schädigungen im Wurzelbereich kommt.
Die Zuordnung dieser
kritischen Windlast zu der Windstärke, die diese Windlast aufbringt, ergibt
die Grenz-Windstärke, einschließlich derer der Baum als "nicht standsicher"
beurteilt wird. Auf die früher geforderte 1,5fache Sicherheit kann somit
verzichtet werden....." (DAS GARTENAMT 41 (1992) Juni).
Für die Standsicherheitsbeurteilung entscheidend ist also in erster Linie
das Neigungsverhalten des Baumes unter zunehmender Zugbelastung und nicht
mehr die Neigung alleine. Der Kippunkt des Baumes wird automatisch in
Prozent der Windlast bei Windstärke 12 bestimmt. Interpretationen durch
den Anwender entfallen.
Die Einführung des
Kipmoduls nach MÄNNL läßt eine Einteilung in Standsicherheitsklassen zu:
* Standsicherheitsklasse 1, Kippmodul unter 25 % = hochgradige Standsicherheit,
Gefährdungspotential Null,
* Standsicherheitsklasse 2, Kippmodul zwischen 25 u. 50 % = Standsicherheit
etwas geringer als unter 1, jedoch ausreichende Sicherheitsreserven,
* Standsicherheitsklasse 3, Kippmodul zwischen 50 u. 80 - 90 % = je nach
Schädigungsgrad derzeit noch standsicher bis grenzwertig standsicher (u.U.
Kronenreduktion),
* Standsicherheitsklasse 4, Kippmodul >80 - 90 % = nicht mehr standsicher,
Kippgefahr (u.U. Kronensicherungsschnitt). Daraus und aus dem Meßkurvenverlauf
folgt, daß die Meßergebnisse auch längerfristig prognostizierbar sind.
Die qualitative Diagnose
der Standsicherheit wurde bei der AfB-Methode an 35 Bäumen untersucht
und experimentell verifiziert. Die Sensitivität dieser Meßreihe liegt
bei 90 %, die Spezifität bei 96 %. Die positive Prädiktion beträgt 90
%, der negative Vorhersagewert 96 %. -8- -8- 3.4 Zum Wegfall des Sicherheitsaufschlages
Bei der Inclino-Methode ist nach Kenntnis der Verfasser bis heute -wie
schon bei den baumstatischen Berechnungen ab 1980- ein 1,5-facher Sicherheitsabstand
erforderlich. Die AfB-Methode arbeitet seit 1992 nur noch mit 1-facher
Sicherheit. Daraus folgt, daß schon alleine durch den pauschalen 50-prozentigen
Sicherheitsaufschlag bei der Inclino-Methode wesentlich mehr Bäume als
kippgefährdet beurteilt werden müssen als bei der AfB-Methode.
Beispiel: An einer
etwa 80-jährigen stammnah abgegrabenen Eiche ergab der Zugversuch mit
der AfB-Methode (Bezug auf Neigungsverhalten, Einteilung der Meßergebnisse
in Sicherheitsklassen, Aussage für 1-fache Sicherheit) einen Kippmodul
WLM 12* = 38 % (Standsicherheitsklasse 2, das heißt ausreichende Sicherheitsreserven).
(* WLM 12 = Windlastmoment bei Windstärke 12, Orkanwindlast)
Die Auswertung der
gleichen Meßdaten mit dem alten Auswerteprogramm der AfB vor 1992 (alleiniger
Bezug auf Neigung, Einteilung der Meßkurven in Neigungsklassen, Aussage
für 1,5-fache Sicherheit, nach Kenntnis der Autoren ähnlich der Inclino-Methode)
ergab eine extrapolierte Neigung WLM 12 = 3,71 Grad (Kippgefahr). Dies
verdeutlicht den wesentlichen Unterschied zwischen beiden Auswerteverfahren.
3.5: Zur Höhe der Zuglast und Prognosegenauigkeit
Bei der AfB-Methode sind mindestens vier Lastschritte bis mindestens
30 % des Windlastmomentes bei Windstärke 12 erforderlich. Laut Datenanalyse
der Neigungsmeßwerte umgezogener Bäume erhöht dies die Aussagegenauigkeit
im Vergleich zu geringeren Zugkräften erheblich (Je höher die Zugkraft,
um so genauer die Aussage laut Prognose, vergl. statistische Auswertung
von G. SINN und U.MÄNNL in DAS GARTENAMT 39 (1990) September).
Bei der Inclino-Methode
ist nur ein Lastschritt erforderlich (siehe Zitat Ziffer 3.3). Zur Höhe
der mindestens erforderlichen Zuglast wird keine Aussage getroffen. Die
Anwender der Inclino-Methode arbeiten nach Kenntnis der Verfasser häufig
mit wesentlich geringeren Zugkräften als 30 % des Windlastmomentes bei
Windstärke 12. Dies beeinträchtigt die Aussagekraft der Ergebnisse.
SCHLUSSBETRACHTUNG
Auch wenn es durch WESSOLLY bisher anders dargestellt wurde, ist die AfB-Methode
eine Eigenentwicklung der Arbeitsstelle für Baumstatik und unterscheidet
sich in vielen Punkten, insbesondere aber in der Auswertung der Meßdaten,
wesentlich von der Inclino-Methode. Die AfB-Methode hat sich seit 1992
an mehr als 1.000 Problembäumen in der Praxis ohne jede Beanstandung bewährt.
Es waren durchschnittlich mehr als 90 % der untersuchten Bäume standsicher.
Trotz der wesentlich niedrigeren Kippgrenze gegenüber der Inclinomethode
ist nach diesseitiger Kenntnis nicht einer der untersuchten und als standsicher
definierten Problembäume umgefallen und hat das Meßergebnis widerlegt.
ANSCHRIFT DER AUTOREN:
Dr. Uwe Männl öbv Sachverständiger Günter Sinn Dipl.-Ing. öbv Sachverständiger
Thomas Sinn Alle drei Autoren: c/o Arbeitsstelle für Baumstatik (AfB)
Sudetenstraße 9 61118 Bad Vilbel
LITERATUR
HUND, F.: Baumstatik
- Berechnung der Standsicherheit von Bäumen nach G. Sinn. Beiheft zum
Programm Gartenbau 3. Anleitung zur Benutzung des Baumstatikprogramms.
Vertrieb: SVK-Verlag, 5901 Wilnsdorf (1984)
MÄNNL, U.: Analyse
der Standsicherheit von Bäumen DAS GARTENAMT 41 (1992) Juni, S. 429-433
SINN, G.: Berechnung
zur Statik von Parkbäumen. Heft G 4, SVK-Verlag, Wilnsdorf (1982)
SINN, G.: Standsicherheitsuntersuchung
von Bäumen. NEUE LANDSCHAFT 29 (1984) Dezember
SINN, G. und WESSOLLY,
L.: "Baumstatik - Zwei neue zerstörungsfreie Meßverfahren". DAS GARTENAMT
38 (1989) Juli, S. 422-428
SINN, G.: Untersuchungen
zur Kippursache von Eichen im Riederwald, Frankfurt/M.. Heft LP 25, SVK-Verlag,
Erndtebrück, 1990
SINN, G. und MÄNNL.,
U.: Methodische Verbesserungen und neue Meßgeräte zur Standsicherheitsüberprüfung
von Bäumen. DAS GARTENAMT 39 (1990) September, S. 588-592
SINN, G. und SINN,
TH.: "Meßmethoden zur Stand- und Bruchsicherheit von Bäumen - Teil III,
statistische Auswertung der Standsicherheitsüberprüfungen an Bäumen und
Folgerungen für die Praxis". Hrsg.: Arbeitsstelle für Baumstatik (1992)
WESSOLLY, L.: "Bruchversuch
an hohler Blutbuche - Zum Einsatz von Gewindestäben". DAS GARTENAMT 37
(1988) Mai, S. 296-310
Versuchsbericht zur
Kippursache von Eichen im Riederwald des Instituts für Modellstatik der
Universität Stuttgart vom 25.07.1988, Bearbeiter Dr. WESSOLLY
WESSOLLY, L.: Verfahren
zur Bestimmung der Stand- und Bruchsicherheit von Bäumen. Holz als Roh-
und Werkstoff 49 (1991)
Wessolly, L.: "Großbäume
auf Tiefgaragen". LA 03/93, S. 59-61
Wessolly, L.: "Wurzelschäden
und Standsicherheit von Bäumen". NEUE LANDSCHAFT 11/94, S. 853-860
WESSOLLY, L. und ERB,
M.: "Handbuch der Baumstatik + Baumkontrolle". Patzer-Verlag, Berlin (1998)
Zusätzliche Technische
Vertragsbedingungen und Richtlinien für Baumpflege und Baumsanierung (ZTV-Baumpflege),
Hrsg.: Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e.V.
(FLL), An der Feuerwache 8, 5210 Troisdorf (1993)
|