ERWIDERUNG AUF DEN LESERBRIEF DES HERRN Dr. KÖHLER IN DAS GARTENAMT 12/94 ZUM AUFSATZ von GÜNTER SINN "ZUM BRUCH-SICHERHEITSNACHWEIS BEI BÄUMEN" IN HEFT 9/94Auf meine fachlichen Einwände in obigem Aufsatz, der Grenzen der VTA-Methode aufzeigt, geht Herr Dr. Köhler, ebenso wie die anderen Kritiker meines Aufsatzes, nicht ein. Bedauerlicherweise beschränkt sich seine Einrede im wesentlichen auf pauschale Zurückweisungen und die Aufforderung, zu verschiedenen Sachverhalten Erklärungen abzugeben. Letzteres will ich gerne tun. Zu der von Herrn Dr. Köhler angesprochenen Bionik: Zu den von Herrn Dr. KÖHLER angesprochenen Feldstudien von Mattheck: An der Auswahl einer repräsentativen Population bestehen erhebliche Zweifel: Die Anzahl der Bäume im Stadtbereich, die unter "normalen" Bedingungen, das heißt innerhalb klar definierter Belastungs- und Haftungsgrenzen brechen oder kippen, ist äußerst begrenzt. Aus Mangel an Masse ist es schlichtweg nicht möglich, in der Kürze der bisherigen Untersuchungszeit (seit 1992) hunderte von Referenzbäumen, die zum Beispiel bis zur meteorologisch nachweisbaren Windstärke 12 im Stadtbereich gebrochen oder gekippt sind, zu finden und zu untersuchen, auch nicht über Ländergrenzen hinweg. Bei den weit über 1000 gebrochenen oder windgeworfenen Bäumen, die von MATTHECK und seinen Mitarbeitern untersucht wurden, kann es sich in der Mehrzahl nur um reichlich zur Verfügung stehende Waldbestandsbäume mit unbekannter Bruch- oder Kipplast gehandelt haben. Diese haben aufgrund unterschiedlicher Wuchs- und Standorteigenschaften ein anderes Bruch- oder Standsicherheitsverhalten als Stadtbäume, das heißt Bäume im freien Stand. Die VTA-Methode soll jedoch für Stadtbäume Gültigkeit haben. Zudem würden bei Windübergeschwindigkeiten (z.B. in Windschneisen oder im Tornado) gebrochene oder gekippte Bäume waldartiger Bestände die Studie für den Gebrauch in der Stadt wertlos machen. Zur Bruch- oder Kipplast wird von MATTHECK nicht Stellung genommen. Die wichtige Frage, bei welcher Windkraft die Bäume der Feldstudien versagten, bleibt ungeklärt. Im Versicherungswesen gelten Windstärken von mehr als 8 nach BEAUFORT als "höhere Gewalt", bei baumstatischen Untersuchungen wird, wie in der Baustatik, Windstärke 12 als Lastgrenzfall zugrundegelegt. Für alles was darüber liegt entfällt jegliche Verantwortung, insbesondere dann, wenn bei über Windstärke 8 gebrochenen oder gekippten Bäumen entsprechende Kontrollen nachgewiesen werden können. Die Windbelastung der Bäume aufgrund ihrer Größe, der Wuchsform, der Standortsituation etc. wird von MATTHECK lediglich mit dem Begriff "vollbekront" umschrieben. Diese Kennzeichnung ist unbestimmt und für realistische Abschätzungen der Verkehrssicherheit von Bäumen nicht ausreichend. Auf diesem Sektor sind vage Umschreibungen ebenso inakzeptabel wie Hintertüren, die im Prinzip Baumkontrollen in Frage stellen. In Bezug auf die Standsicherheit fehlen in den Veröffentlichungen der Feldstudien Standortbeschreibungen. Bodenvernässung kann zum Beispiel als Versagensursache ebenso in Frage kommen wie die oben genannten Windübergeschwindigkeiten oder Schäden am Wurzelfundament, auf die sich MATTHECK allein beruft. Völlig im Dunkeln bleibt auch das Meßverfahren, mit dessen Hilfe die t/R-Zahl ermittelt wurde. So müßte zum Beispiel bei über den Querschnitt ungleichmäßig verteilten Ausfaulungen nach Probenahme, wissenschaftlich korrekt, die minimale restliche Querschnittsfläche planimetriert oder mittels EDV erfaßt werden, um die t/R-Zahl genau zu ermitteln. Es ist zu bezweifeln, daß dieser außerordentlich hohe Aufwand betrieben wurde. Der Autor MATTHECK, der solchen entscheidenden Fragen permanent aus dem Weg geht, ist hiermit aufgefordert, zu diesen Einzelheiten eine sachliche Auskunft zu geben. Bis dahin hält der Verfasser die Ergebnisse der Feldstudien weiterhin für "Angaben auf Treu und Glauben". Zu der von Herrn Dr. KÖHLER angesprochenen Wandstärkemessung durch Anbohren: Noch schlimmer als die bekannten Folgen des Anbohrens vorgeschädigter Bäume sind allerdings die vermeintlich erforderlichen Maßnahmen, die solchen Untersuchungen nach den Erfahrungen des Verfassers häufig folgen. Einige Beispiele sind in dem Aufsatz des Unterzeichners "Zum Bruchsicherheitsnachweis bei Bäumen" in DAS GARTENAMT 9/94 genannt. Zu der von Herrn Dr. Köhler angesprochenen Ein-Drittel-Wandstärke-Theorie: Aufgrund der oben genannten Unwägbarkeiten und da nach den Diagrammen der Feldstudien auch Bäume mit t/R-Verhältnissen kleiner als 0,1 noch bruchsicher sein können, ist MATTHECK aufgefordert eindeutig zu erklären, unter welchen Bedingungen Bäume bei t/R = kleiner als 0,3 dennoch sicher sind. Allgemeine Hinweise, zum Beispiel auf die Kronengröße, nützen nichts. Hier sind konkretere Angaben, auch zum Standort, Zitat MATTHECK: "vom behüteten Spitzwegwinkelchen bis zum zugigen Marktplatz" erforderlich. Die für die Verkehrssicherheit von Bäumen zuständigen Personen müssen in die Lage versetzt werden, auch für die Sicherheit von Hohlstämmen mit einer geringeren Wandstärke als 0,3 des Radius die Verantwortung zu übernehmen. Derzeit ist dies mit den Vorgaben der VTA-Methode nicht möglich und führt dazu, Bäume im Zweifelsfall vorzeitig zu fällen. Zu der von Herrn Dr. Köhler angesprochenen VTA-Methode: Folgende Tatsachen und Unklarheiten stehen leider einer Beendigung der Meinungsspaltung entgegen: Hier stellt sich die Frage, ob MATTHECK eventuell nur die Formulierung falsch gewählt (Spannungskonstanz statt Spannungsminimierung) oder einer ingeniösen Phantasie freien Lauf gelassen hat. Ebenso wie bei seinen Theorien zur Brettwurzelbildung und Brettwurzelanregung von Bäumen, zur Sollbruchstelle "Chinesenbart", zur Kontaktspannung bei Bäumen, zur Stammdurchmesserverjüngung von oben nach unten usw., usw. Die oben erwähnten ernsthaft vorgetragenen Einfälle, die andere Erkenntnisse aus der Biologie ignorieren oder vernebeln, sind teilweise Grundlage bzw. Bestandteil der VTA-Methode. "Jeder Wissenschaftler liebt seine Einfälle. Jeder hofft, daß sie sich nicht nur als originell, sondern sogar als richtig erweisen. Es genügt aber nicht für eine Erklärungshypothese nur jene Argumente oder Belege vorzubringen, die diese zu stützen vermögen, vielleicht nur nach solchen zu suchen, während alles was dagegen spricht oder sprechen könnte, übersehen, geringgeachtet, gar nicht erst ermittelt oder im unmoralischen Fall sogar geleugnet wird." (HUBERT MARKL: "Wer liebt der forscht" in Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 145, 26.11.93) Die Geringachtung dessen, was gegen die VTA-Methode spricht und in meinem Aufsatz "Zum Bruchsicherheitsnachweis bei Bäumen" in DAS GARTENAMT 9/94 in Ansätzen angesprochen wurde, ist symptomatisch. Auch wenn die Anhänger der VTA-Methode davon überzeugt sein sollten, daß MATTHECK hinsichtlich der Stand- und Bruchsicherheitsuntersuchung von Bäumen im Besitz einer umfassenden und wesentlich weiterführenden Wahrheit ist, muß dies nicht nur aus wissenschaftstheoretischen, sondern auch aus soliden praktischen Gründen verneint werden. |