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In Teil 1 wurde das wichtigste eindeutige Schadsymptom, Pilzfruchtkörper
verschiedener holzabbauender Gattungen/Arten, sowie ihre Bedeutung für
die Baumstatik, vorgestellt. In diesem 2. Teil des Aufsatzes werden die
sieben anderen eindeutigen Schadsymptome in ihrer Bedeutung für die Baumstatik
beschrieben.
Vorhersehbares Baumversagen läßt sich bei Beachtung der nachfolgenden
acht eindeutigen Schadsymptome weitgehend ausschließen.
1. Pilzfruchtkörper holzabbauender Arten (siehe Teil 1),
2. fäulebedingte Einwallungen / abgestorbene Rindenpartien,
3. tiefreichende Höhlungen,
4. V-förmige Vergabelungen,
5. angebrochene Äste oder Stämme,
6. verlassene Spechthöhlen,
7. Totäste und
8. stammnahe, konzentrisch verlaufende und aufklaffende Bodenrisse.
Ein eindeutiges Schadsymptom ist stets ein sicherer Hinweis auf einen
statikrelevanten Schaden. Es steht in unmittelbarem Zusammenhang mit einem
verkehrsgefährdenden Defekt und darf nicht übersehen werden. Es bedeutet
jedoch nicht automatisch Kipp-/Bruchgefahr. Seine Gefährlichkeit kann
anhand von verschiedenen Ausprägungen der Baumgestalt genauer bestimmt
werden. Dazu müssen die Sicherheitsreserven des Baumes eingeschätzt sowie
-je nach der Art des Schadens- seine Reaktion auf den Holzabbau festgestellt
werden. Daneben können hinweisende Symptome/Anzeichen auf statikrelevante
Probleme deuten. Zumeist sind sie allerdings hinsichtlich der Stand-/Bruchsicherheit
ohne Belang. Auf die seltenen Ausnahmen wird im Text des 3. Teiles hingewiesen.
Baumversagen ist nicht immer vorhersehbar. Es können sowohl intakte Bäume
versagen als auch Bäume mit Vorschäden, die bei der Sichtkontrolle nicht
feststellbar waren. Insbesondere statikrelevante Wurzelschäden entziehen
sich dem Einblick des Baumkontrolleurs. Das Erscheinungsbild der Krone
ist einige Jahre nach Starkwurzelkappungen ein trügerischer Ratgeber.
Neugebildete Adventivwurzeln sorgen für eine grüne Baumkrone und stellen
allmählich das biologische Gleichgewicht des Baumlebewesens wieder her,
nicht aber die Statik.
2. Fäulebedingte Einwallungen / abgestorbene
Rindenpartien Stockfäulen stellen die
wichtigste Problematik für die Verkehrssicherheit von Bäumen dar. Der
Fäulefortschritt vieler wurzelbürtiger Schadpilze dehnt sich in fortgeschrittenem
Stadium vom Wurzelstock ausgehend im Stamm aufwärts und von den zentralen
Stammbereichen zum Stammantel aus. Dort kann der Pilz den Splint durchwachsen,
äußerlich zeigen sich dann erste Schäden im Bereich zwischen den Wurzelanläufen.
In der Folge bildet sich eine Einwallung, da die benachbarten lebenden
Stammbereiche weiteren Dickenzuwachs aufweisen, der abgestorbene nicht.
Mit dem Fäulefortschritt in die Höhe wird die Einwallung immer länger.
Außer am Stammfuß können fäulebedingte Einwallungen auch an anderen Baumteilen
auftreten.
Fäulebedingt abgestorbene Rindenpartien sind nicht nur auf Einwallungen
beschränkt. Manchmal sind großflächig ganze Stammbereiche einschließlich
der Wurzelanläufe abgestorben.
Abbildung 1 zeigt die fäulebedingt abgetöteten Wurzelanläufe einer umgestürzten
Pappel. Durch den vorhersehbaren Baumsturz waren Sachschäden entstanden.
2. 1 Erkennungsmöglichkeiten
* Streifenförmig ausgebliebener Dickenzuwachs (Einwallung),
* großflächiges Wachstumsdefizit in der Form einer breiten Einbuchtung
am Stammfuß,
* fehlende helle Zuwachszonen zwischen den Borkenplatten,
* Ausbildung von quer verlaufenden durchgehenden Rissen auf der Borke,
* gegebenenfalls durchgewachsene Pilzfruchtkörper.
Abbildung 2 zeigt eine fäulebedingte streifenförmige Einwallung an einer
Linde. Nach Beseitigung der toten Rinde wurde in der Einbuchtung die Stammhöhlung
freigelegt (oberer Bildbereich).
Abbildung 3 zeigt eine breite, fäulebedingte Einbuchtung am Stammfuß einer
Linde. Hinter der abgestorbenen Rinde wurde eine tiefreichende Weißfäule
freigelegt. Wegen der Verwechselungsmöglichkeiten sind verdächtige Einwallungen
und Rindenbereiche abzuklopfen (bei tiefreichender Fäulnis dumpfer Klang).
Gegebenenfalls muß eine Funktionsprüfung mit dem Stechbeitel oder ähnlichem
durchgeführt werden.
Manchmal weisen Überwallungswülste, die sich ohne eine äußerlich erkennbare
Schädigung entwickelt haben, auf abgestorbene Rindenpartien und ausgedehnte
Fäulen hin.
Abbildung 4 zeigt einen kräftigen Überwallungswulst am Stamm einer Linde,
der sich ohne äußerlich erkennbare Schädigung entwickelt hat. Die Rinde
auf dem Bild rechts der Wundkallusbildung ist fäulebedingt abgestorben.
Ein weiterer Hinweis auf eine weit fortgeschrittene Stockfäule ist partieller
übermäßiger Dickenzuwachs seitlich der Einwallungen, erkennbar an dem
deutlichen Überwiegen der hellen Zuwachszonen zwischen den Borkenplatten.
Durch den Funktionsverlust abgetöteter peripherer Stammbereiche muß der
Baum die Funktionen des Stammholzes auf die noch intakten Bereiche konzentrieren.
Diese Form des partiellen Kompensationswachstums kann besonders häufig
und ausgeprägt bei stark ausgefaulten Linden mit weit fortgeschrittenem
Befall durch Lackporlinge oder Brandkrustenpilz, sowie auch an anderen
zerstreutporigen Baumarten, beobachtet werden
Abbildung 5 zeigt partiellen übermäßigen Dickenzuwachs seitlich von Einwallungen
beziehungsweise einer alten Betonplombe. Der Baum wies Befall mit dem
Brandkrustenpilz auf und war nicht mehr verkehrssicher.
2.2 Verwechselungsmöglichkeiten
Natürliche Einwallungen kommen an allen Baumarten vor allem in der Altersphase
zwischen den Wurzelanläufen und darüber hinaus vor. Eine klare Unterscheidung
zwischen fäulebedingten und nicht fäulebedingten Einwallungen ist zumindest
auf den ersten Blick nur mit Erfahrung möglich. Im Zweifelsfall kann die
Funktionsprüfung mit dem Stechbeitel oder ähnlichem Klarheit bringen.
Insbesondere an alten Roßkastanien und Rotbuchen können oftmals gedrehte
rippenartig geformte Stämme mit Einwallungen vorkommen. Vor allem alte
Hainbuchen weisen eine deutliche Spannrückigkeit des Stammes auf. Dabei
bleibt das Dickenwachstum des Kambiums streifenweise zurück. An Eichen
können nach äußerst strengen Frösten streifenförmige Rindennekrosen auftreten.
Hinsichtlich der Verkehrssicherheit unbedeutende Einwallungen mit abgestorbenen
Rindenpartien können unterhalb gekappter Äste vorkommen.
Ein dumpfer Klang beim Abklopfen der Borke ist nicht immer fäulebedingt.
Bei Bäumen mit kräftiger Borkenbildung, wie zum Beispiel Robinien oder
Eichen kann es sich um alte, noch fest ansitzende Borkenplatten handeln.
Bei der Nachprüfung kann darunter die am intakten Holzkörper fest ansitzende,
jüngere Borke festgestellt werden.
2.3 Beurteilung fäulebedingter
Einwallungen
Meistens reagieren vitale Bäume auf fortschreitende Stockfäulen mit Kompensationswachstum.
In gleichem Maße wie der Pilz im Stamminnern in funktionsfähige Holzbereiche
vordringen kann, ersetzt sie der Baum wieder durch sein sekundäres Dickenwachstum.
Findet dies in einem Gleichgewicht statt, kommt es im Laufe der Jahre
zu einer allmählichen auffälligen Verbreiterung des Stammfußes. Dann ist
der Baum bei allseitig gutem Zuwachs trotz der fortgeschrittenen Fäule
meistens noch verkehrssicher.
Abbildung 6 zeigt den durch Kompensationswachstum verbreiterten Stammfuß
eines Zuckerahornbaumes. Trotz der schweren Schäden (fäulebedingte Einwallungen
auf allen Stammseiten, das heißt tiefreichend eingefaulter Stammfuß und
Wurzelstock) und weit fortgeschrittenen Pilzbefall durch den Angebrannten
Rauchporling war der 29 m hohe Baum laut Meßergebnis stand- und bruchsicher.
Erst wenn der Pilz die Oberhand gewinnt, nimmt die Gefahr zu. Dann übertreffen
die Abbauprozesse den jährlichen Zuwachs. In dieser Phase sind meistens
eindeutige Defektsymptome, wie fäulebedingte Einwallungen und Pilzfruchtkörper,
ausgebildet.
Fehlendes Kompensationswachstum und fortgeschrittene Stockfäulen sind
ein Hinweis auf unsichere Bäume.
Abbildung 7 zeigt einen alten Anfahrschaden am Stammfuß eines Spitzahornbaumes
ohne jegliches Kompensationswachstum. Der alte Schaden, absterbende Kronenteile,
schüttere Belaubung sowie mehrere Wundleistenbildungen am Stamm waren
ursächlich für die Veranlassung statikintegrierter Zugprüfungen. Der Baum
war kippgefährdet.
Greift eine Stockfäule auf die Rinde der Wurzelanläufe über und tötet
sie ab, ist der betroffene Baum meistens nicht mehr sicher (siehe Abbildung
1).
3. Tiefreichende Höhlungen
Tiefreichende Höhlungen sind das offenliegende Ergebnis eines umfangreichen
Holzabbaues im Baum. Die Bruchsicherheit des betroffenen Baumteiles ist
sichtbar verringert.
3.1 Beurteilung tiefreichender
Höhlungen
Allgemein ist bei wüchsigen Bäumen, bei allseitig gutem Zuwachs im Bereich
der Schadstelle (erkennbar an den hellen Zwischenräumen zwischen den Borkenplatten)
und bei kräftiger Wundkallusbildung zunächst Entwarnung gegeben.
Am kritischsten sind tiefreichende Höhlungen am Stammfuß. Allerdings besteht
selbst hier nach eigener Erfahrung bei freistehenden Altbäumen mit ansonsten
allseitig intaktem Stamm mit guten Zuwachsleistungen erst beim Auftreten
von Pilzfruchtkörpern holzabbauender Arten und/oder bei fehlendem Kompensationswachstum
Bruchgefahr.
Ein Hinweis auf verkehrssichere Bäume ist ein durch Kompensationswachstum
stark verdickter unterer Stammbereich (siehe unter 2.3). Es kann sich
vor allem an Rotbuchen eine regelrechte Wurzelplatte gebildet haben.
Abbildung 8 zeigt die Wurzelplatte einer durch den Brandkrustenpilz befallenen
Rotbuche. Ein anderer Baumsachverständiger erbohrte an einer Stelle am
Stammfuß eine Restwandstärke von etwa 8 cm. Der unbeschnittene Baum ist
nach eigener statikintegrierter Zugprüfung stand- und bruchsicher. Ist
keine Verbreiterung des unteren Stammbereiches feststellbar, ist der Baum
oftmals nicht mehr sicher (Verwechslungsmöglichkeit besteht bei Überfüllung
des Standraumes).
Auf eine Bruchgefahr im Bereich von Höhlungen deuten außer Pilzfruchtkörpern
weitere Defektsymptome beziehungsweise hinweisende Symptome wie fäulebedingte
Einwallungen oder ein abgestorbener oder nur sehr schwach ausgebildeter
Wundkallus bei geringer Zuwachsleistung auf allen Stammseiten hin. Häufig
ist dann keine klare Abgrenzung zwischen abgestorbenen und gesunden Rinden-
und Holzbereichen vorhanden.
Abbildung 9 zeigt eine tiefreichende Höhlung am Stammfuß einer Roßkastanie.
Es ist weder ein Wundkallus noch eine klare Abgrenzung zwischen abgestorbenen
und gesunden Rinden- und Holzbereichen vorhanden. Der Baum war nicht mehr
verkehrssicher.
3.2 Restwanddicken
Bei Höhlungen bieten sich im Rahmen von Baumkontrollen verletzungsfreie
Restwanddickeeinschätzungen an. Mit dem Zollstock wird die Tiefe der Höhlung
gemessen und anschließend der Stammdurchmesser im Bereich der Meßstelle
abgeschätzt. Die Differenz ergibt die näherungsweise Restwanddicke. Bei
weitgehender Zerstörung des tragenden Querschnittes kann vor allem bei
unbeschnittenen Bäumen Bruchgefahr bestehen.
Eine Berechnung der Bruchsicherheit nach Rechenformeln ist nicht Bestandteil
der biostatischen Baumkontrolle. Der hohe Aufwand geht über den Rahmen
einer Sichtkontrolle hinaus und es lassen sich damit nur tendenzielle
Abschätzungen erzielen.
Die Tiefe von Höhlungen beziehungsweise die Restwanddicke gesunden, tragenden
Holzes bis zum Erreichen der Bruchgrenze ist bei jedem Baum anders. Das
Spektrum reicht von Vollholzig bis zu weniger als 1/30 Restwanddicke.
Dies liegt daran, daß Bäume unterschiedliche Sicherheitsreserven aufweisen.
Die Unterschiede können extrem sein. Deshalb kann es auch bei der Sichtkontrolle
erforderlich sein, die Grundsicherheit des Baumes abzuschätzen, bevor
Baumschäden gewichtet werden. Die Sicherheitsreserven von Bäumen werden
unter anderem durch die Wuchsform bestimmt.
3.3 h/d-Verhältnisse
Im Forst wird die Stabilität von Waldbestandsbäumen näherungsweise mit
dem h/d-Wert abgeschätzt. Dies ist der Wert Baumhöhe (h) / Stammdurchmesser
(d). Je niedriger der Wert, desto höher die Sicherheitsreserven. Als erstrebenswert
gelten auf stabilen Waldstandorten h/d-Verhältnisse kleiner als 80.
Freistehende Bäume weisen natürlicherweise wesentlich geringere h/d-Werte
und höhere Sicherheitsreserven auf. Ihre h/d-Werte sind anders zu beurteilen
als die von Waldbestandsbäumen. Der gekappte Naturdenkmalbaum „Hohle Eiche“
in Bad Homburg v.d.H. zum Beispiel ist rund 16 m hoch bei einem Stammdurchmesser
von rund 2 m, das heißt h/d-Wert = 8, Sicherheitsreserven sehr hoch. Tatsächlich
steht der Baum noch immer bruchsicher mit etwa 1/30 ! Restwanddicke (eigene
Messungen verletzungsfrei vom Inneren der begehbaren Höhlung aus).
Von einem anderen Praxisfall, der diesen einfachen Zusammenhang aufzeigt,
wurde unter anderem vom Verfasser in STADT UND GRÜN 7/97 berichtet. An
einem mehr als 100 Jahre alten Bergahornbaum erbohrte ein anderer Baumsachverständiger
in 2 unterschiedlichen Höhen Restwanddicken von 10,71 % bzw. 16,43 % des
Radius. Die Arbeitsstelle für Baumstatik maß in einer nachfolgenden Untersuchung
mit der Elastomethode als geringsten Bruchsicherheitswert = 3,4-fache
Bruchsicherheit, bezogen auf Windstärke 12 und den Zustand der vollen
Belaubung. Der Baum ist 19,80 m hoch, Stammdurchmesser in 1,3 m Höhe =
1,20 m, h/d = 16,5, d.h. hohe Sicherheitsreserven. Der Baum steht noch
heute.
Ein anderes Praxisbeispiel: Drei gleichaltrige Eschen mit vergleichbarem
Pilzbefall durch den Zottigen Schillerporling im Anfangsstadium wurden
meßtechnisch auf Bruchsicherheit überprüft. Die zwei im Freistand gewachsenen
Eschen mit h/d-Werten von rund 25 waren bruchsicher, die dritte in Konkurrenz
zu anderen Nachbarbäumen schlank und hoch gewachsene Esche mit einem h/d-Wert
von rund 35 war nicht mehr bruchsicher.
Die h/d-Werte sind näherungsweise leicht zu ermitteln und können helfen,
die Bruchsicherheitsreserven von Bäumen besser einzuschätzen. Geringe
Werte bedeuten hohe Sicherheitsreserven. Unter anderem danach ist die
Gefährlichkeit von Schadsymptomen zu beurteilen. Am besten schneiden alte,
freistehende Naturdenkmalbäume mit ihren dicken Stämmen ab (nach eigener
Auswertung h/d-Werte zwischen 8 und 20). Wenn sie schon gekappt sind,
liegt man häufig selbst bei geringsten Restwanddicken noch im „grünen
Bereich“.
Für den Zusammenhang von Wuchsform und Sicherheitsreserven gilt grundsätzlich:
Frei gewachsene Bäume weisen die höchsten Sicherheitsreserven auf (zumeist
h/d-Wert unter 25), in Konkurrenz zu Nachbarbäumen oder Baulichkeiten
aufgewachsene Bäume geringere Sicherheitsreserven (h/d-Werte über 25).
Je stärker die Konkurrenzsituation, desto höher die h/d-Werte und umso
geringer die Sicherheitsreserven.
Abbildung 10 zeigt eine frei gewachsene Naturdenkmaleiche in einer Parkanlage.
Der Baum hatte ausreichenden Platz zur vollen Entfaltung seiner Krone.
Baumhöhe = 27,30 m, Stammdurchmesser = 1,40 m, h/d = rund 19, Sicherheitsreserven
hoch. Trotz Befall mit dem Schwefelporling war der geringste Bruchsicherheitswert
laut Meßergebnis 3-fache Bruchsicherheit.
3.4 Materialeigenschaften
Es ist bekannt, daß sogenannte Weichholzarten eine geringere Bruchfestigkeit
aufweisen als Bäume mit hartem Holz. Die gleiche Querschnittsfläche von
Eschenholz zum Beispiel trägt die doppelte Last wie die von Silberweidenholz.
Die Esche darf also doppelt so stark ausfaulen bevor sie bricht.
Einige Beispielbäume und ihre Tragfähigkeiten:
Beonders tragfähiges Holz weisen Esche, Feldahorn, Platane und Stieleiche
auf (höchste Tragfähigkeiten = 100 %).
Etwa 60 bis 70 % davon weisen Bergahorn, Birke, verschiedene Lindenarten,
Robinie, Roßkastanie, Rotbuche, Roteiche auf.
Nur etwa 50 % davon Douglasie, Säulenpappel, Silber- und Trauerweide sowie
die Zeder.
Die Materialeigenschaften des Holzes sind ebenfalls bedeutsam für die
Sicherheitsreserven von Bäumen.
Zum Beispiel ergaben eigene Bruchsicherheitsmessungen an Stieleichen mit
Schwefelporlingsbefall stets deren Bruchsicherheit, von den gemessenen
Silberweiden mit Schwefelporlingsbefall waren dagegen nur noch rund 9
% sicher. Außer von den Materialeigenschaften hängt dies natürlich auch
von der Effizienz der Abschottung der jeweiligen Baumart ab.
4. V-förmige Vergabelungen
V-förmige Vergabelungen kommen an allen Baumarten vor, insbesondere bei
Laubbäumen und hier vor allem bei Silberlinden, Rotbuchen, Roßkastanien,
Ahornbäumen und Kirschbäumen. Bei den V-förmigen Vergabelungen von zwei
oder mehr gleichberechtigten Stämmlingen ist meistens Rinde in die Vergabelung
eingewachsen, die die Holzkörper trennt und zu einer statisch schwächeren
Verbindung führt. Diese Erscheinung kann auch bei stärkeren Hauptseitenästen
in der Krone beobachtet werden.
Beurteilung V-förmiger Vergabelungen Es lassen sich je nach Erscheinungsbild
vier Gefährdungspotentiale unterscheiden (von oben nach unten zunehmende
Bruchgefahr):
4.1. Ungefährlich
V-förmige Verzweigung (eventuell mit eingewachsener Rinde). Leistenfreie
V-förmige Vergabelungen sind im Regelfall noch bruchsicher.
4.2. Unter Umständen gefährlich
V-förmige Verzweigung mit eingewachsener Rinde und Leistenbildung. Im
Laufe der Jahre bildet sich durch das sekundäre Dickenwachstum der Stämmlinge
gegeneinander eine Leiste an der Nahtstelle. Die Stämmlinge drücken sich
immer stärker auseinander und das Moment aus Eigengewicht x der Auslenkung
wird immer größer. In diesem Stadium kann bereits Bruchgefahr bestehen.
An Standorten mit hohem Gefährdungspotential empfiehlt sich daher der
Einbau einer Gurtsicherung.
Abbildung 11 zeigt einen V-Zwiesel mit eingewachsener Rinde und beginnender
Leistenbildung an einem Spitzahorn. Dehnungsmessungen und Abbruchversuche
an mehreren V-Zwieseln mit Leistenbildung und eingewachsener Rinde an
Roßkastanien in der Stadt R., zum Teil bis Orkanwindlast, ergaben deren
Bruchsicherheit. Wenn eine V-förmige Vergabelung bereits eingerissen ist,
besteht auf jeden Fall Bruchgefahr.
4.3. Gefährlich
V-förmige Verzweigung mit eingewachsener Rinde und Leistenbildung sowie
Wassertasche. Als Folge des immer stärkeren Gegeneinanderwachsens der
Stämmlinge auf immer größerer Breite entsteht auf den Innenseiten ein
Versorgungsschatten mit der Folge einer Einbuchtung. Dies führt im Laufe
der Jahre zum Entstehen einer Wassertasche. Der Verfasser empfiehlt spätestens
in diesem Stadium den Einbau von Gurtsicherungen oder notfalls Rückschnitte.
Der Versorgungsschatten wird mit dem weiteren Wachstum der Stämmlinge
immer breiter und die Anbindung der Stämmlinge untereinander immer schwächer.
An ausgebrochenen V-Zwieseln kann oftmals ein kegelförmiger Aufbau der
Wassertaschen beobachtet werden.
Abbildung 12 zeigt einen V-Zwiesel mit eingewachsener Rinde, Leistenbildung
und Wassertasche an einer Rotbuche.
Abbildung 13 zeigt einen ausgebrochenen V-Zwiesel mit eingewachsener Rinde,
Leistenbildung und Wassertasche an einem Spitzahorn.
Abbildung 14 zeigt einen ausgebrochenen V-Zwiesel mit eingewachsener Rinde,
Leistenbildung und Wassertasche an einer Roßkastanie. In der Wassertasche
sind Adventivwurzeln ausgebildet.
4.4. Gefahr im Verzug
Eine weitere Steigerung ergibt sich, wenn der Holzkörper im Bereich der
Nahtstelle bereits eingerissen ist und/oder wenn Pilzfruchtkörper und/oder
tiefreichende Höhlungen im Bereich der Gabelung ausgebildet sind (ein
Foto hierzu wurde in Teil 1 des Aufsatzes gezeigt). Bei diesem Schadbild
ist meistens Gefahr im Verzug und unmittelbarer Handlungsbedarf gegeben.
Bei bereits gekappten Bäumen ist das Gefahrenpotential durch die verringerte
Windlast vermindert. U-förmige Vegabelungen gleichberechtigter Stämmlinge
sind nicht ausbruchgefährdet.
Abbildung 15 Hinsichtlich der Bruchsicherheit unbedeutender U-Zwiesel
an einer Eiche.
5. Angebrochene Äste oder Stämme
5.1 Angebrochene Äste
Gar nicht so selten kann man in Baumkronen angebrochene Äste feststellen.
Angebrochene Äste sind auf den ersten Blick außer an möglichen Laubverfärbungen
an der abweichenden Aststellung erkennbar. Bei genauerem Hinschauen (Fernglas
!) läßt sich dann die Bruchstelle erkennen. Solche Äste sind zu kappen
beziehungsweise zu beseitigen.
Ein hinweisendes Symptom:
Manchmal wachsen untere Äste am Baum aus dem ansonsten weitgehend geschlossenen
Kronenbild heraus. Es hat sich eine konkurrierende Teilkrone entwickelt,
weil die Dominanz der Oberkrone nicht ausreichte. Häufig zweigen diese
überlastigen Starkäste zunächst waagerecht vom Stamm ab, krümmen sich
anschließend stark nach oben und wachsen relativ steil nach oben. Bei
diesen Ästen ist vor allem im Bereich der Krümmung auf Rißbildungen als
Hinweis auf einen Astanbruch zu achten. Wird dort ein durch den Holzkörper
durchgehender Längsriß festgestellt, besteht Bruchgefahr. Bei Leistenbildungen
kann es sich um alte, bereits wieder verheilte Risse handeln.
Wenn möglich, ist eine angebrochene konkurrierende Teilkrone mit einem
Gurtsicherungssystem zu sichern. Der angebrochene Starkast sollte zugleich
insbesondere in der Höhe eingekürzt werden. Durch die verringerte Windlast
wird die Bruchgefahr verkleinert und die Ausweitung des Risses vermieden.
Außerdem wird das weitere Bestreben des Astes zur Bildung einer Teilkrone
unterdrückt.
Abbildung 16 zeigt die Ausbildung einer konkurrierenden Teilkrone an einer
Fichte. Der Starkast ist im Bereich der Krümmung nach oben bereits eingerissen.
Die beschriebene Ausbildung konkurrierender Teilkronen alleine ist kein
eindeutiges Schadsymptom. Bruchversagen kommt nur selten vor.
5.2 Angebrochene Stämme
Bei schlanken und hohen Bestandsbäumen in Parkanlagen (hohe h/d-Werte)
sowie an schiefstehenden Bäumen ist vor allem im Bereich zwischen den
Wurzelanläufen und darüber auf Rißbildungen, meist auf mehreren Stammseiten,
die bis tief in den Holzkörper reichen, zu achten. Diese sind ein Hinweis
auf angebrochene Baumstämme. Die Krone angebrochener Bäume kann sich auf
Nachbarbäume stützen. Bäume mit angebrochenen Baumstämmen sind zu beseitigen.
Abbildung 17 zeigt den angebrochenen Wurzelanlauf / Stammfuß eines schiefstehenden
Baumes. Vorsicht: Verwechselungsmöglichkeit mit sogenannten Frostrissen,
die meistens hinsichtlich der Bruchsicherheit ohne Bedeutung sind.
6. Verlassene Spechthöhlen
Spechthöhlen können vor allem an Bäumen in Parkanlagen an stärkeren Ästen
oder am Stamm festgestellt werden. An Straßenbäumen abseits von größeren
Baumbeständen sind sie eine Ausnahmeerscheinung.
Das Zimmern von Nisthöhlen ist bei den Spechten eine alljährlich wiederkehrende
Triebhandlung. Zunächst treiben sie an vielen Bäumen kleine Einschläge
in die Stämme. Diese Miniaturhöhlen (Spielnester als Teil des Balzrituales)
sind von der Bruthöhle zu unterscheiden.
Manchmal werden die Bruthöhlen von allen Spechtarten, mit Ausnahme des
Grünspechtes, in kerngesunden Bäumen gezimmert. Meistens sind sie im urbanen
Bereich jedoch in Bereichen weicheren Holzes, das heißt im Bereich von
Faulstellen, zum Beispiel unterhalb alter Starkastkappungen, angelegt.
Der häufigste Specht und regelrechter Kulturfolger ist der Buntspecht.
Buntspechtwohnungen haben einen Durchmesser von 15 bis 17 Zentimetern
und eine Tiefe bis zu 30 Zentimeter. Das Flugloch mißt 4-5 cm im Durchmesser
und ist fast kreisrund.
Wesentlich seltener ist der Grünspecht, dessen Bruthöhle einen Durchmesser
von 20-25 cm bei einer Tiefe von etwa 40-50 cm hat. Das Flugloch mißt
8 cm und ist oval. Selbstgezimmerte Bruthöhlen werden immer in ausgefaulten
Baumstämmen angelegt.
Die Höhle des seltenen Grauspechtes ist etwas kleiner als die des Grünspechtes,
auch in gesundem Holz.
Die kleinste Bruthöhle benötigt der seltene Kleinspecht, die er vor allem
in Weichhölzern angelegt. Andere Spechtarten kommen nur innerhalb größerer
Waldgebiete vor.
Beurteilung von Spechthöhlen
Die Gefährlichkeit von Spechthöhlen in Bäumen wird häufig überschätzt.
Spechtlöcher, die als Teil des Balzrituales angelegt werden, sehen vom
Boden aus betrachtet wie eine Spechthöhle aus. Sie reichen jedoch nicht
tief und werden sowohl in gesundem als auch faulem Holz angelegt. Überhaupt
sind Spechthölen kein sicheres Indiz auf ausgedehnte Stammfäulen, da die
Bruthöhlen mitunter auch in gesundem Stammholz angelegt werden. In der
Regel hat es der Baumkontrolleur mit Buntspechthöhlen zu tun, die im Schnitt
nur 16 cm Durchmesser aufweisen.
Neu angelegte und bewohnte Spechthöhlen alleine sind daher nicht gleichzusetzen
mit Bruchgefahr. Dem Verfasser ist kein Fall bekannt, bei dem eine von
Spechten bewohnte Bruthöhle bruchauslösend war. Die „Zimmerleute des Waldes“
haben offenbar das richtige Gespür für Baumstatik.
Anders verhält es sich, wenn die Höhlen bereits viele Jahre alt und nicht
mehr von Spechten bewohnt sind. Ausgehend von den Höhlungen kann sich
im Laufe der Jahre eine umfangreiche Fäule entwickeln (hier gilt das gleiche
wie unter dem Kapitel „tiefreichende Höhlungen“ aufgeführt). Die Bruchsicherheit
von Spechthöhlen ist im Rahmen der Durchführung von Baumkontrollen deshalb
so schwierig zu beurteilen, da sie sich meistens hoch oben in den Baumkronen
befinden.
Bei regelmäßig durchgeführten Baumkontrollen kann das Alter von Spechthöhlen
bestimmt werden. Einen weiteren Hinweis auf fortgeschrittene Holzzersetzung
können Bienen-, Wespen- oder Hornissenstaaten geben, die die Höhlen bewohnen.
Dann kann Bruchgefahr bestehen und eine weitergehende Untersuchung oder
präventive Maßnahmen, wie der Einbau von Gurtsicherungssystemen, sind
erforderlich.
Bruchsicherheitsmessungen an einer in Konkurrenz zu Nachbarbäumen schlank
und hoch gewachsenen Eiche ergaben im Bereich einer alten, verlassenen
Spechthöhle Bruchgefahr.
7. Totäste in der Krone
Je nach der Länge des Totastes, seiner Dicke, der Fallhöhe und dem Gefährdungspotential
sind Totäste zu beseitigen, da sie bekanntermaßen bruchgefährdet sind.
Astdurchmesser bis zu etwa 3 cm an der Basis können in der Regel in der
Krone belassen werden, bei geringem Gefährdungspotential und/oder geringer
Fallhöhe auch dickere Äste. Im Winter können Totäste an der verringerten
Feinastigkeit, den fehlenden Knospenanlagen sowie gegebenenfalls an der
abblätternden Rinde erkannt werden.
Die Ausbildung von Totästen hat verschiedene Ursachen. Totäste im unteren
Kronenbereich oder im Kronenkern sind durch Lichtmangel bedingt, während
Totäste im oberen Kronenbereich und in der Kronenperipherie ein Anzeichen
einer nachlassenden Vitalität sind. Frisch abgebrochene Äste, die in der
Krone liegengeblieben sind, können an der Verfärbung des Laubes beziehungsweise
der abnormalen Aststellung erkannt werden.
8. Stammnahe, konzentrisch verlaufende
und aufklaffende Bodenrisse
Dieses seltene Schadbild kann nach Starkwindereignissen
vor allem auf vernäßten, bindigen Böden beobachtet werden. Außer dem Rißbild
geben die Bewegungen des Wurzeltellers und der Risse unter Windeinfluß
Hinweise auf den Schaden. Die gelockerten Bäume können einen leichten
Schiefstand aufweisen. Dann ist stets Gefahr im Verzug.
Abbildung 18 Stammnahe konzentrisch verlaufende und aufklaffende Bodenrisse
nach einem Orkan an einer Roßkastanie. Einige Nachbarbäume der Reihe waren
bereits umgefallen.
Verwechslungsgefahr: Schwundrisse auf bindigen Böden bei Austrocknung,
Anhebungen von Wegebelägen oder verdichteten Böden durch sekundäres Dickenwachstum
der Wurzeln.
Im nachfolgenden 3. Teil werden hinweisende Symptome / Anzeichen vorgestellt
und ihre Bedeutung für die Baumstatik erläutert.
Das Literaturverzeichnis ist am Ende des vorangehend veröffentlichten
Teils 1 des Beitrages aufgeführt.
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Veröffentlicht in STADT UND GRÜN, Heft 9 (2000), S. 625-633,
Patzer-Verlag

Abbildung 1 Gefahr: Großflächig abgestorbene Rindenpartien

Abbildung 2 Gefahr: Fäulebedingte streifenförmige Einwallung

Abbildung 3 Gefahr: Fäulebedingte Einbuchtung

Abbildung 4 Gefahr: Abgestorbene Rindenpartien und Bildung eines Überwallungswulstes

Abbildung 5 Gefahrenhinweis: Übermäßiger partieller Dickenzuwachs

Abbildung 6 Verkehrssicher: Reaktion auf Fäule mit Kompensationswachstum

Abbildung 7 Gefahrenhinweis: Stammfußschaden ohne Kompensationswachstum

Abbildung 8 Verkehrssicher trotz Brandkrustenpilz: Ausbildung einer Wurzelplatte

Abbildung 9 Gefahr: Tiefreichende Höhlung und keine Abgrenzung zwischen
abgestorbenen und gesunden Rinden- und Holzbereichen

Abbildung 10 Verkehrssicher trotz Schwefelporlingsbefall: Frei gewachsene
ND-Eiche, h/d-Wert 19
Abbildung 11 Zunehmende Gefahr: V-Zwiesel, eingewachsene Rinde und beginnende
Leistenbildung

Abbildung 12 Gefahr: V-Zwiesel, eingewachsene Rinde, Leistenbildung und
Wassertasche

Abbildung 13 Gefahr: V-Zwiesel, eingewachsene Rinde, Leistenbildung und
Wassertasche

Abbildung 14 Gefahr: V-Zwiesel, eingewachsene Rinde, Leistenbildung und
Wassertasche

Abbildung 15 Verkehrssicher: U-förmige Zwieselbildung

Abbildung 16 Konkurrierende Teilkrone: Astanbruch und Bruchgefahr im
Bereich der Krümmung

Abbildung 17 Gefahr: Angebrochener Wurzelanlauf / Stammfuß eines schiefstehenden
Baumes

Abbildung 18 Gefahr: Stammnahe konzentrisch verlaufende und aufklaffende
Bodenrisse nach Orkan
Abbildungen 1, 13 und 17 von Günter Sinn, alle anderen Abbildungen vom
Verfasser.
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